Sprottau (Szprotawa)

 

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Durch die günstige Lage an der bei Eulau durch die Boberfurt führenden "Niederen Straße", der Verbindung des Gebietes der unteren Elbe nach Osten, entwickelte sich bereits Anfang des 13. Jahrhunderts aus einer slawischen Siedlung ein Marktflecken mit Kirche und Zollburg, der Kern der späteren Stadt Sprottau.
 
Von Thietmar von Merseburg (um 975-1018) sind die ersten schriftlichen Nachrichten über das Sprottauer Gebiet überliefert, durch das der Zug Kaiser Ottos III. nach Polen zum Grab des heiligen Adalbert in Gnesen im Jahre 1000 führte. Wenige Jahre später endete, so berichtet Thietmar weiter, der dritte Polenkrieg Kaiser Heinrichs II. mit einer schweren Niederlage seiner Nachhut in dem östlich von Sprottau gelegenen Primkenauer Bruch.
 
Seine Gründung nach deutschem Recht um 1254 verdankt Sprottau dem ersten Glogauer Piastenherzog Konrad I. (+ 1273/74), in dessen Besitz es nach der Aufteilung des schlesischen Herzogtums unter die Söhne Heinrichs II. (+ 1241) gelangt war. Mit der Einführung einer Stadtverfassung und der deutschen Besiedlung der Dörfer in der Umgegend begann eine neue Periode in der Geschichte der "civitas Sprotav", die im Jahre 1260 erstmals urkundlich erwähnt wurde. In den folgenden Jahren diente Sprottau als lokales Verwaltungszentrum, zeitweise als Sitz von Teilherzogtümern (seit 1289) und erlangte im Jahre 1299 Zollfreiheit und den freien Salzmarkt. Aus dem Jahre 1316 datiert der älteste erhaltene Grabstein Schlesiens in der Sprottauer Stadtpfarrkirche, die zu Beginn des 15. Jahrhunderts zu einer dreischiffigen Hallenkirche erweitert wurde.
 
Aufgrund der allgemeinen Unsicherheit nach der Zersplitterung der Piastenherrschaft schlossen sich die Städte Glogau, Sagan, Freystadt, Steinau, Fraustadt, Lüben, Krossen, Grünberg und Sprottau 1310 zu einem gegenseitigen Schutzbündnis, dem ersten politischen Städtebund Schlesiens, zusammen. In der Periode der äußeren Bedrohung, in deren Verlauf die Stadt 1312-1317 aus Geldmangel der Landesherrschaft verpfändet wurde, entwickelte sich jedoch die innere und äußere städtische Selbstverwaltung, indem sich Bürgermeister und der erstmals 1299 urkundlich erwähnte Rat der Stadt von der Bevormundung des Landesherrn lösen konnten. Im weiteren Verlauf des 14. Jahrhunderts, an dessen Beginn die älteste Ratsverordnung Sprottaus aus dem Jahre 1319 entstand, gewannen die Hand-werkerinnungen, vor allem die Tuchmacher, aber auch die Fleischer, die Bäcker und die Schumacher, weiter an Einfluss.

Neben Ackerbau und Getreidehandel stellte die Eisengewinnung in der niederschlesisch-lausitzischen Heide und der Handel mit Eisenwaren einen wichtigen Erwerbszweig Sprottaus dar. Bereits 1381 erwähnt das älteste Sprottauer Stadtbuch die an der Sprotte gelegene Hammermühle, das erste im schlesischen Raum bezeugte Hammerwerk. Die Eisenproduktion des Sprot-tauer Landes und der bis in die Ostseeländer reichende Handel mit Eisenprodukten wurde durch den Dreißig-jährigen Krieg unterbrochen, erlebte aber zu Beginn des 18. Jahrhunderts mit der Ausfuhr Sprottauer Eisens nach Polen einen neuen Aufschwung.

Am Beginn des 15. Jahrhunderts erlangte die Stadt das Münzrecht und konnte ihren Grundbesitz weiter vermehren. Auf die allgemeine politische Unsicherheit der Zeit, in der die Stadt wiederholt verpfändet wurde, schloss die Stadt im Jahre 1418 ein gemeinsames Bündnis mit den Städten Glogau, Freystadt, Grünberg, Züllichau, Polkwitz und Schlawa. Mit dem Tod Herzog Heinrichs XI. 1476, dem letzten Vertreter der Glogauer Piasten, und dem danach erfolg-ten Zugriff Kurbranden-burgs auf das Herzogtum Glogau, begann der Glogauer Erbfolgestreit, in dessen Verlauf Sprottau als Residenz Herzog Johanns II. von Glogau-Sagan (+ 1504) mit rund 2500 Einwohnern eine bedeutende Rolle zukam. 

evangelische Kirche
  Blick auf die evangelische Kirche
Aus: Sagan und Sprottau in der schlesischen Geschichte, Würzburg 1992, S.109

Nachdem ein Teil der Bevölkerung Johann II. 1476 aufgrund des Einflusses der brandenburgischen Besatzungsmacht die Huldigung verweigerte, erschien dieser vor Stadt und erzwang eine kampflose Übergabe. Im Jahre 1488 rückte das Heer von Matthias Corvinus gegen das Herzogtum Glogau vor, das Johann II. zuvor wieder ganz in seinen Besitz gebracht hatte. Nach einer zweimonatigen Belagerung und der Verwüstung des Umlandes übergab die Bürgerschaft im Dezember 1488 die Stadt und das Schloss zu Sprottau. Mit dem Verzicht Johanns II. auf alle seine Besitzungen endete die Herrschaft der Glogauer Piasten und Matthias Corvinus belehnte seinen Sohn mit dem Herzogtum. Nachdem Sprottau in der Folgezeit unter ungarische, böhmische und polnische Lehenshoheit gestanden hatte, kam es 1526 nach der Schlacht von Mohacz unter die Herrschaft des Hauses Habsburg.

Rathaus Aufgrund der Lage der Stadt an der Straße von Wittenberg nach Breslau darf angenommen werden, dass die Bevölkerung schon frühzeitig Kenntnis vom öffentlichen Auftreten Martin Luthers und seiner Lehre erlangt hat-te. Der konkrete Anlass für die Ausbreitung der neuen Lehre waren wirtschaftliche Auseinandersetzungen zwischen dem 1314 von Beuthen/Oder nach Sprottau verlegten Magdalenerinnenkloster und dem Rat der Stadt. In diese angespannte Lage fiel 1524 das Auftreten des Predigers Nikolaus Grenewitz, der sich öffentlich der neuen Lehre angeschlossen hatte und auf Befehl König Ferdinands wurde 1528 wieder entfernt wurde. Der Rat der Stadt stellte jedoch trotz wiederholter landesherrlicher Mandate 1540 erneut einen Prediger an, womit die Reformation endgültig Einzug in der Stadt fand.
Rathaus mit zwei unterschiedlichenTürmen
Aus: M. Welder: Reise nach Schlesien, Leer 1988, S. 166
 

 

Nach der Rückkehr des Predigers Grenewitz 1544 schloss man 1565 nach längeren Auseinandersetzungen einen Vergleich, in der sich beide Parteien ungehindert freie Religionsausübung zugestanden und übereinkamen, die Pfarrkirche gemeinschaftlich zu nutzen. Im Verlauf des 17. Jahrhunderts wurden im Zuge der Gegenreformation im Fürstentum Glogau sämtliche protestantische Kirchen geschlossen.
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erlebte Sprottau nach der verheerenden Pestepidemie von 1552 einen wirtschaftlichen Aufschwung und konnte 1613 endgültig in den erblichen Besitz des Pfandschillings gelangen. Die äußeren Zeichen des Wohlstandes waren umfangreiche Baumaßnahmen wie die Fertigstellung des ersten der markanten Rathaustürme (1575) oder die Erlaubnis zur Öffnung eines dritten Stadttores.

Mit dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges brach für die Stadt durch Kriegssteuern, Kontributionen und Einquartierungen eine Phase des wirtschaftlichen und finanziellen Niedergangs an. Als Wallenstein in Sprottau 1626 sein Hauptquartier aufschlug, waren die Städte des Fürstentums Glogau nicht mehr in der Lage, das kai-serliche Heer zu unterhalten. Im Oktober 1633 überließ Wallenstein, seit 1632 Herzog von Sagan und Herr von Sprottau, die Stadt seinen Truppen zur Plünderung, nachdem er vorher die schwedischen und sächsischen Truppen aus dem Fürstentum vertrieben hatte. Wiederholt musste die Stadt bis 1648 Einquartierungen und Plünderungen verschiedener Heere über sich ergehen lassen. Im Jahre 1666 sah sich die Stadt schließlich gezwungen, Kaiser Leopold I. um die Eröffnung des Konkursverfahrens zu bitten und erwirkte nach längeren Verhandlungen im Jahre 1680 eine für sie günstige Regelung.

Nach dem verheerenden Stadtbrand von 1672 konnten mit Unterstützung der schlesischen Stände 1678 die meisten öffentlichen Gebäude und Bürgerhäuser wiederhergestellt werden. Das alte Piastenschloss wurde nach der Zerstörung 1642 als Malzhaus genutzt und schließlich 1747 zur evangelischen Kirche "Zur Burg Gottes" umgebaut. Die Folgen eines weiteren Stadtbrandes im Jahre 1702, der die Stadt in nur zwei Stunden zerstörte, wurden schließlich 1728/32 mit der Erneuerung der beiden ausgebrannten Rathaustürme beseitigt.
Während Sprottau in den ersten beiden Schlesischen Kriegen von direkten Kriegseinwirkungen verschont blieb, belasteten seit 1758 Truppendurchmärsche, Plünderungen und Einquartierungen die städtischen Finanzen. Seit 1741 wurden in der Stadt wieder evangelische Gottesdienste gefeiert. Nach der Huldigung der niederschlesischen Stände in Breslau 1741, zu der auch die Stadt Sprottau Vertreter entsandt hatte, wurden durch ein königliches Patent nach dem Vorbild des preußischen Staates an der Stelle der bisherigen Ämter die Kriegs- und Domänenkammern in Breslau und Glogau eingerichtet.

Radierung
Radierung: Sprottau. Profilansicht von Südost
Aus: Sagan und Sprottau in der schlesischen Geschichte, Würzburg 1992, S.11

 

 

Nach den napoleonischen Kriegen und der französi-schen Besetzung Sprottaus 1807 wurden die Teile der alten Stadtbefestigung abgetragen, um die Stadt zu erweitern. Durch den Erwerb von Ortschaften, Weiden und Forsten zählte die Stadt schließlich zu den preußischen Städten mit dem umfangreichsten Grundbesitz. Nach der Säkularisation des Magdalenerinnenklosters 1810 übernahm die Stadt den Klosterbesitz.

Nach dem Anschluss Sprottaus an das Eisenbahnnetz durch den Bau der Strecke Glogau - Hansdorf (1846) und die Verlängerung der Strecke von Glogau nach Posen (1858) sowie von Sagan nach Sorau (1871) lag die Stadt an der wichtigen Verbindungsstrecke von Mitteldeutschland nach Warschau. Damit verbunden war die Ansiedlung von Industriebetrieben (Eisengießerei, Emaillierwerke, Bauindustrie, Strumpfwaren- und Hand-schuhfabrik u.a.) in der zweiten Jahrhunderthälfte, die der Stadt Wohlstand brachten und teilweise bis 1945 Bestand hatten.

Zu einer letzten Änderung der Verwaltungsstrukturen kam es 1932, als der 1818 gebildete Altkreis Sprottau mit dem Mittelstück des Kreises Sagan zu einem Kreis Sprottau zusammengeschlossen wurden Verwaltungszentrum: Sagan). Im Jahre 1939 hatte der Kreis Sprottau rund 100.000 Einwohner  und war mit 1464 Quadratkilometern der größte Kreis im Regierungsbezirk Liegnitz. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt zu nahezu 50 Prozent vernichtet und im Februar 1945 von Truppen der Roten Armee besetzt, nachdem die deutsche Bevölkerung geflohen war. Heute zählt die Stadt rund 12.000 Einwohner.

Johannes Schellakowsky

 

 

Literatur

Quellen und Hilfsmittel: Thietmar von Merseburg, Chronik. Neu übertragen und erläutert von Werner Trillmich (Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe, A: Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters, Bd. 9). Darmstadt, 6. Aufl. 1985;

Erich Graber (Hg.), Die Inventare der nichtstaatlichen Archive Schlesiens: Kreis Sprottau (CDS, Bd. 31). Breslau 1925.

Werner Bein (Hg.), Sagan und Sprottau in der schlesischen Geschichte. "Les vues de Sagan". Würzburg 1992;

Helmut Großmann/Adolf Henke: Was man vom Kreise Sprottau wissen muss. Sprottau 1932; Karl Handke/Georg
Steller, Beschreibung der schlesischen Kreise Sagan und Sprottau. Lippstadt 1968; Felix Matuszkiewicz,

Geschichte der Stadt Sprottau. Sprottau 1908; ders. u. Georg Steller, Unsere Sagan-Sprottauer Heimat. Köln-Rodenkirchen 1956.

 

LITERATURHINWEIS
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