Militsch (Milicz)

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Militsch (poln. Milicz), 55 km nördlich Breslau, geht auf eine 1136 erstmals erwähnte Burg (castellum) zurück, die den Übergang der Bartsch an der alten Handelsstraße, die auch  „Bernsteinstraße“ genannt wurde, und von  Prag über Mittelwalde – Glatz – Wartha – Nimptsch – Breslau – Trebnitz – Militsch - Posen – Gnesen – Thorn nach Danzig führte, sicherte. 1155 ist Militsch als Hauptort einer Kastellanei bezeugt, die zum Besitz des Breslauer Domkapitels gehörte. 1249 zum Burgflecken mit polnischem Marktrecht erhoben, entwickelte sich um 1300 in ovalem Grundriss die deutschrechtliche Stadt, die im Norden und Osten durch die Bartsch, im Süden und Westen durch die Brande (später Mühlgraben) begrenzt wurde. 1337 galt Militsch als sicherste Burg im nördlichen Schlesien. 1358 gingen Stadt und Burg sowie Zoll und 24 Dörfer aus dem Besitz des Breslauer Domkapitels durch Kauf an den Herzog von Oels, der unter böhmischer Oberlehenshoheit stand. 1494 verlieh König Wladislaus von Böhmen Militsch an Siegmund Kurzbach, der es mit Trachenberg zu einer Freien Standes-herrschaft ausbaute. 1590 heiratete die letzte Erbin aus dem Hause Kurzbach den Freiherrn Joachim von Maltzan, dessen Nachkommen bis 1945 in Militsch  residierten. Nachdem Schlesien 1526 mit Böhmen an Habsburg, 1742 von Habsburg an Preußen gefallen war, wurde es nach Vertreibung der deutschen Bevölkerung 1945 unter polnische Verwaltung gestellt. Seit 1991 gehört es zur Republik Polen, Militsch zur südwestpolnischen Woiwodschaft Niederschlesien.

Der Herzog von Oels hatte anstelle der alten Burg 1360 westlich der Stadt auf dem Hopfenberg ein Schloss errichtet, das im 16. Jahrhundert mehrfach erweitert, nach dem Brand von 1797 nicht wieder aufgebaut, im Zweiten Weltkrieg schließlich gesprengt wurde. Etwas südlich von der Ruine ließ Graf Joachim Carl von Maltzan 1797/98 durch Carl Gottfried Geißler das Neue Schloss im klassizistischen Stil erbauen. 1910 erweitert, wurde es nach 1945 als forstwirtschaftliches Technikum genutzt.

Unter den Reichsgrafen Freiherrn von Maltzan erlebte Militsch im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert eine kulturelle Blüte: Der Schlosspark war vor 1800 der erste und einzige englische Garten in Schlesien. Auch unterhielten die Grafen bis 1810 eine kleine Kapelle mit fest besoldeten Musikern. Daraus entwickelte sich ab 1811 der erste Concertverein Schlesiens. Die Leitung hatte der Kantor Friedrich Heinrich Guhr (1791-1860), dessen älterer  Bruder, Carl Wilhelm Ferdinand Guhr (1787-1848),  1810 die Heimat verließ und nach steiler Karriere 1821-1848 das Opernhaus in Frankfurt/Main leitete.

Die Bevölkerung, in Landwirtschaft, Handwerk. Karpfenzucht beschäftigt, hat zahlenmäßig  deutlich geschwankt: Im Mittelalter hatte Militsch  etwa 1.000, 1619: 1.400, 1761 als Folge des Siebenjährigen Krieges: 719, 1787: 1.398, 1905: 3.642, 1939: 5.390, 1946: 2.929, 1960: 6.103, 1984: 10.305 Einwohner.

Als Kreisstadt des Grenzkreises Militsch-Trachenberg, zu dem bis 1945 101 selbstständige Landgemeinden gehörten, gab es in Militsch neben der Stadt- und Kreisverwaltung zwei Zollämter, ein Grenzzollkommissariat, Finanz- und Katasteramt, Amtsgericht, staatliches Gesundheitsamt, ab 1709 auch eine fast ständige Garnison (Husaren, Ulanen) mit den dazu gehörenden Verwaltungen: 1860-1919 Proviantamt, Lazarett, 1936-1945 Wehrmeldeamt, Wehrkreis-Remonteschule, Wehrkreis-Reit- und Fahrschule (ab1939).

1525 ist Militsch evangelisch geworden. 1596 ließ der Freiherr von Maltzan eine neue lutherische Hauptkirche und 1616 eine Kirche für den polnischen Gottesdienst erbauen. Diese Kirchen mussten 1654 im Zuge der Gegenreformation an die  katholische Kirche abgegeben werden, die Bevölkerung blieb aber fast völlig evangelisch. Als Folge der Altranstädter Konvention konnte von 1709 bis 1714 eine der zugestandenen sechs Gnadenkirchen - Zum Heiligen Kreuz - vor Militsch erbaut werden. Sie hatte anfänglich je einen deutschen und einen polnischen Pastor. Aus Fachwerk errichtet, ausgestattet mit einer geschnitzten Kanzel im Rokokostil und einem wertvolles Taufstein, bot sie mit drei Emporen Platz für einen großen Einzugsbereich,  zu dem auch die Evangelischen im benachbarten Posen gehörten. Viele von ihnen sind mehrmals jährlich über die Grenze zur Militscher Gnadenkirche gewandert. Seit 1945 dient die Gnadenkirche der katholischen Gemeinde, die sie 1981 restauriert hat.

1925 gab es in Militsch-Stadt  3.022 Evangelische und  eine evangelische Superintendentur für den Kirchenkreis Militsch-Trachenberg mit insgesamt 15 Pfarrstellen, drei davon in der Kreisstadt, drei in Kraschnitz. Dort hatte Graf Adelberdt von der Recke Vollmerstein (1791-1878) ab 1860 den Grund für mehrere Einrichtungen der Inneren Mission gelegt: Das Deutsche Samariter-Ordensstift, das Adelberdt-Diakonissen-Mutterhaus, die erste Schlesische Diakonenanstalt und eine Rettungsanstalt für verwaiste und verwahrloste Kinder. Ebenfalls im Kreis Militsch lag das Rittergut Jantkawe (Hansdorf), wo Karl Heinrich von Bogatzky (1690-1774) geboren wurde. Vom Halleschen Pietismus ergriffen, ist er als Erbauungsschriftsteller und Dichter von Kirchenliedern hervorgetreten. Das Missionslied „Wach auf, du Geist der ersten Zeugen“, im Ev. Gesangbuch Nr. 241, stammt von ihm.

Zum katholischen Archipresbyterat gehörten 1925 in Militsch 529 Einwohner,  für die 1817-1821 durch den Gräflichen Bauinspektor Schätzel die Pfarrkirche St. Michael als turmloser Bau, im Inneren vier spätgotische Halbreliefs und ein Taufstein von 1561 aus der Vorgängerkirche,  errichtet worden war.

Weitere Gotteshäuser: Die altlutherische Gemeinde besaß ab 1845 in Militsch eine einfache turmlose Backsteinkirche. Etwa eine Stunde von der Stadt entfernt, einsam im Wald, stößt man auf die St. Annakapelle. 1505 als Pilgerstätte erwähnt, ist sie 1721 verfallen. Der heutige Bau stammt aus dem Jahr 1808.  

Juden werden erstmals 1655 erwähnt. Ihre Zahl erreichte mit 197 Personen 1864 den Höchststand, sank aber in der Folgezeit stark ab. 1925 hatte Militsch 83, 1936 56 jüdische Einwohner.                                                                                                         
Christian-Erdmann Schott

 

Literatur

Literatur

Gleisberg, Fritz: Die Gnadenkirche zum Heiligen Kreuz vor Militsch, 1971

Gottschalk, Joseph: Militsch. In: Hugo Weczerka (Hg.): Handbuch der historischen Stätten: Schlesien . 2. Aufl. Stuttgart 2003 (Kröners Taschenausgabe Bd. 316) S. 314-315 und 672

Gottschalk, Joseph: Militsch. In: Heinz Stoob und Peter Johanek (Hg.), Deutsches Städtebuch Band 1: Schlesisches Städtebuch, Stuttgart-Berlin-Köln 1995 S. 259-261

Gottschalk, Joseph: Beiträge zur Rechts-, Siedlungs- und Wirtschaftsgeschichte des Kreises Militsch bis zum Jahre 1648, 1930

Hoffmann-Erbrecht, Lothar: Militsch. In: Schlesisches Musiklexikon, hg. von Lothar Hoffmann Erbrecht, Augsburg 2001 S. 461-462

Kluge, K.: Chronik der Stadt Militsch, Militsch 1909

Der Kreis Militsch-Trachenberg an der Bartsch, Heimatbuch eines schlesischen Grenzkreises, Springe 1965

Volk, Gertraude: Kraschnitz, das schlesische Bethel. Auf den Spuren von Adelberdt Graf von der Recke von Volmerstein im Jahre 1997. In: Schlesischer Gottesfreund 49 (1998) Nr. 2 S. 20-24

 

 

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