Teschen (Cieszyn)

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Teschen (poln. Cieszyn, tschech. Tesin). An der Olsa, in einer fruchtbaren Hügellandschaft am Fuße der Beskiden gelegen, hat es in Teschen nachweislich seit dem 9. Jahrhundert menschliche Siedlungen gegeben. Die Nikolauskirche auf dem Schlossberg aus dem frühen 11. Jahrhundert gilt als ältestes erhaltenes Bauwerk von Schlesien überhaupt. 1135 ist Teschen Kastellanei im Bistum Breslau. 1163 wurde es an das neu gegründete Herzogtum Ratibor, später Oppeln, angeschlossen; 1282 selbstständiges Herzogtum. 1298 unterstellten sich die Herzöge der böhmischen Oberhoheit. 1653 starb Elisabeth Lukretia, verheiratet mit dem Fürsten von Liechtenstein. Sie war die letzte aus dem Teschener Piastenhaus.   

Die Stadt wurde 1223 unterhalb der Burg zunächst als polnisches Suburbium, unter Herzog Wladislaus I. von Oppeln (1246-1281) mit deutschen Siedlern nach niederschlesisch Löwenberger Recht angelegt. Die bis zum Ende des 14. Jahrhunderts überlieferten Bürgernamen zeigen, dass Teschen eine deutsche Stadt war, bis sich am Ausgang des Mittelalters die polnische Sprache stärker durchsetzte. 1374 erhielt die Stadt Magdeburger Recht. In der Folge konnte sie, besonders durch die Zünfte, aber auch durch den Abbau der reichen Steinkohle- und Erzvorkommen ihre wirtschaftliche Stellung in der Region ausbauen, verstärkt durch den 1495 gegründeten Fugger-Thurzo-Konzern, der den Handel über den Jablunka-Pass in Richtung Odertal organisierte.

 

1545 wurde Teschen evangelisch. 1578 erließ Herzog Wenzel II. eine reformatorische Kirchenordnung. Mit der Konversion seines Sohnes Adam Wenzel (Regierung 1595-1617) zur katholischen Kirche setzte 1610 die Gegenreformation ein, die sich nach der Schlacht am Weißen Berge 1620 bis zum gewalttätigen Einsatz des Dragonerregimentes Liechtenstein steigerte. 1670 errichtete der Jesuitenorden der Hl. Kreuz-Kirche, 1675 ein Gymnasium. Nachdem die Evangelischen zum Teil ausgewandert, zum Teil in den Geheimprotestantismus abgetaucht waren, ist Teschen 1683 eine katholische Stadt. Gleichzeitig gingen die Einwohnerzahlen und die wirtschaftliche Bedeutung zurück.

 

In dieser Situation bedeutete der Bau der Gnadenkirche von 1709 bis 1730 mit 8.000 Plätzen, bis 1751 mit einem 72 Meter hohen Turm, eine geistige Wende. Von den sechs Gnadenkirchen, die nach der Altranstädter Konvention in Schlesien errichtet werden durften, war für Oberschlesien eine genehmigt worden, nachdem die evangelischen Stände für diese Gnade 10.000 Gulden, ein Darlehen und Gebühren an die Staatskasse in Wien gezahlt hatten und bereit waren, die Baulast zu tragen. Für Oberschlesien hatte die Teschener Jesus-Kirche samt Jesus-Schule eine sehr große Bedeutung, auch deshalb, weil ihre führenden Pastoren nicht mehr von der Wittenberger Orthodoxie, sondern vom Halleschen Pietismus August Hermann Franckes (1663-1727) geprägt waren und bis zu ihrer Ausweisung im Jahr 1730 im Geist der Erweckungsbewegung wirkten.  Mit fünf Pastoren, die für 40.000 Evangelische zuständig waren, besetzt, reichte ihre Ausstrahlung bis in die Gegend von Troppau und die Standesherrschaft Pless.

 

Beim Übergang Schlesiens an Preußen (1742) blieben die Herzogtümer Teschen, Troppau und Jägerndorf bei Österreich. Damit besaß Teschen die einzige offiziell anerkannte  evangelische Kirchengemeinde in Österreich, geleitet von einem Konsistorium.  Die Jesus-Schule wurde zum Gymnasium erhoben. Der Einfluss der Teschener Gnadenkirche erstreckte sich auf den Geheimprotestantismus in ganz Österreich von der Bukowina bis Tirol, von Böhmen bis Triest in einem Gebiet, das heute auf die Republiken Österreich, Tschechien, der Slowakei, Polen, Rumänien, der Ukraine, Jugoslawien und Italien aufgeteilt ist. Enge Verbindungen gab es zum Luthertum in Ungarn, in der Zips, nach Deutschland wie nach Siebenbürgen. In Umsetzung des Toleranzpatentes  Josephs II. (1781)  ist das Teschener Konsistorium 1784 nach Wien verlegt worden. Von hier aus ließ sich der Aufbau einer gesamtkirchlichen Organisationsstruktur für den österreichischen Protestantismus besser bewerkstelligen. Aus dem Teschener evangelischen Gymnasium, das ab 1810 als „Theologisches Gymnasium“ geführt wurde, ist 1821 die evangelisch-theologische Fakultät in Wien hervorgegangen.  Aber noch im 19. Jahrhundert haben Pfarrer aus Bielitz und Teschen – Pfarrer Carl Samuel Schneider, Superintendent Dr. Carl Theodor Haase – eine Weg weisende Rolle in der evangelischen Kirche von Österreich gespielt.

 

Nach Entschärfung des konfessionellen Gegensatzes waren es die völkischen Unterschiede zwischen Deutschen, Tschechen und Polen, die zunehmend für Spannungen sorgten. Im Revolutionsjahr 1848 schickte die mehrheitlich deutsche Bürgerschaft ihre Abgeordneten ins Frankfurter Paulskirchenparlament, während der Pole Paul Stalmach den Prager Slawenkongress besuchte. Stalmach war es dann auch, der mit der Herausgabe national-polnischer Zeitungen die Stimmung zwischen den Volksgruppen verschärfte. Unterstützt wurde er von Leopold Martin von Otto, einem radikalen Vertreter des polnischen Evangelizismus. Otto war von 1866 bis 1875 Pfarrer an der Gnadenkirche und nutzte diese herausgehobene Position, um die deutsch gesinnten Schlonsaken, das sind wasserpolnisch sprechende Teschener Schlesier, zu Polen umzuerziehen. Sein Nachfolger Carl Theodor Haase verfolgte die gegenteilige Tendenz und unterstützte die Gemeinsamkeit der Schlonsaken mit den Deutschen gegen den polnischen Nationalismus.

 

Begünstigt durch den Anschluss an das Bahnverkehrsnetz nahm die Stadt am Ende des 19. Jahrhunderts in Wirtschaft und Bevölkerungswachstum eine positive Entwicklung. Um 1800 hatte Teschen 4000 Einwohner, 1880  13.004, 1910  22.489.  Die bis etwa 1870 deutsche und national nicht differenzierte slawische Bevölkerung war aber jetzt  in drei überkonfessionelle politische Richtungen gespalten: eine deutsch-schlonsakische, eine polnische und eine tschechische. Der Anteil der Deutschen lag 1910 bei 65,3 %. Das katholische und das evangelische Gymnasium waren zu einem Staatsgymnasium zusammengefasst. Es gab eine Realschule und eine Lehrerbildungsanstalt, ein bedeutendes Museum, ein Theater, ein evangelisches Krankenhaus, aber auch ein privates polnisches Gymnasium (seit 1895), eine polnische Lehrerbildungsanstalt, polnische Zeitungen und Vereine.

Nach dem Zusammenbruch der Donau-Monarchie teilten die Siegermächte 1920 Teschen Stadt und Land in zwei Städte – in das polnische Cieszyn mit dem historischen Burgberg und der Altstadt rechts der Olsa und in das tschechische Cesky Tesin mit dem Bahnhof, der die Anbindung an die Slowakei sicherte, links der Olsa. Während in Polnisch-Teschen die Schlonsaken-Bewegung zusammenbrach,  gab es in Tschechisch-Teschen bis 1938 eine deutsch-schlonsakische Mehrheit und eine positivere wirtschaftliche Entwicklung. Die Besetzung des Olsagebietes durch Polen im Oktober 1938 brachte die Wiedervereinigung der beiden Städte, die auch nach der deutschen Besetzung ab 1939 während des Zweiten Weltkrieges bis 1945 fortbestand. Die verständnislose Behandlung durch die Nationalsozialisten  führte bei den Schlonsaken zu einem tiefen Vertrauensverlust. Mit der Vertreibung der Deutschen hat schließlich auch ihre Bewegung den Rückhalt verloren. Teschen wurde wieder geteilt. Tschechisch-Teschen fiel gegenüber den umliegenden, schnell wachsenden Industriegemeinden zurück, behauptet aber eine traditionell kulturelle Bedeutung für die Region. Auch  Polnisch-Teschen konnte mit der wirtschaftlichen Entwicklung nicht Schritt halten. Bielitz ist inzwischen um ein vielfaches bedeutender. 1975 ist Polnisch-Teschen  denn auch der Wojewodschaft Bielitz-Biala einverleibt worden.

Christian-Erdmann Schott

 

                                                                                                          

 

Literatur

Buchholz-Johanek, Ingeborg: Das "Gedenkbuch der Stadt Teschen" von Alois Kaufmann. In: Thomas Wünsch (Hg.), Stadtgeschichte Oberschlesiens, Berlin 1995, S. 291-313

 

Chmiel, Peter und Drabina, Jan (Hg.): Die konfessionellen Verhältnisse im Teschener Schlesien vom Mittelalter bis zur Gegenwart – Stosunki wyznaniowe na Slasku Cieszynskim od sredniowiecza do wspolczesnosci – Tagungsband im Auftrag der Stiftung Haus Oberschlesien herausgegeben, Ratingen 2000

 

Cieszyn, zarys rozwoju miasta i powiatu (Abriss der Entwicklung von Stadt und Kreis Teschen), hg. von J. Chlebowczyk, Kattowitz 1973

 

Kuhn, Walter: Teschen. In: Hugo Weczerka (Hg.), Handbuch historischer Stätten: Schlesien, 2. Aufl.  2003 (Kröners Taschenausgabe Bd. 316) Stuttgart S. 530-534 und 675

 

Landwehr von Pragenau, Moritz: Geschichte der Stadt Teschen, bearbeitet von Walter Kuhn, Würzburg 1976

 

Patzelt, Herbert: Der Protestantismus im Teschener Schlesien in Vergangenheit und Gegenwart. In: Oberschlesisches Jahrbuch 2/1986 S. 16-28

 

Patzelt, Herbert: Die evangelische Kirche im Herzogtum Teschen im Spannungsfeld der Völker. In: Jahrbuch für Schlesische Kirchengeschichte 80/2001 S. 193-204

 

Schwarz, Karl: Eine kirchenpolitische Affaire in Teschen. Johann Borbis versus Carl Samuel Schneider / Theodor Karl Haase. In. Erinnertes Erbe. Beiträge zur schlesischen Kirchengeschichte. Festschrift für Christian-Erdmann Schott, hg. von Dietrich Meyer, Herrnhut 2002 S. 257-269

 

Spyra, Janusz: Die Juden im Teschener Schlesien (bis Anfang des 18. Jh.). In: Oberschlesisches Jahrbuch 9/1993 S. 41-66  

 

Wagner, Oskar: Mutterkirche vieler Länder. Geschichte der evangelischen Kirche im Herzogtum Teschen 1545-1918/20, Wien-Köln-Graz 1978

 

 

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