Neisse (Nysa)

 

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Die Stadt Neisse (polnisch Nysa) an der Glatzer Neiße wird erstmals in einer Urkunde vom 25. Mai 1223 genannt. Neisse wird vom Breslauer Bischof Lorenz (1207-1232) mit deutschen Siedlern aus dem Westen des deutschen Reiches auf grüner Wiese um 1215 gegründet worden sein, an der Kreuzung zweier Handelswege und am Zusammenfluß von Neiße und Biele.

 

Die Stadt entstand in der Nähe einer slawischen Siedlung, die später den Namen Altstadt Neisse bekam. Wie in Schlesien damals üblich, würde Neisse mit einem zentralen Marktplatz (Ring), mit einem Kirchplatz und mit einem Straßennetz in Gitterform angelegt. Der Ring liegt mit 1,33 ha in Schlesien gleich hinter dem Ring und dem Neumarkt von Breslau. Wer immer in Neisse seiner Wege geht, er folgt den Straßenzügen, die Siedler vor fast 800 Jahren angelegt haben.

 

Holzschnitt
Holzschnitt auf Hartmann Schedel: Das Buch der Chroniken, Augsburg 1496
Aus: Neisse. Das Schlesische Rom im Wandel der Jahrhunderte, Würzburg 1998, S. 34
KWS



Bis zur Säkularisation (1810) war Neisse die weltliche Residenz der Breslauer Bischöfe im Bistumsland, das mit ca. 2.650 km 2 etwa ebenso groß wie das Saarland oder das Großherzogtum Luxemburg war. Den bischöflichen Landesherren verdankte die Stadt sehenswerte kirchliche  und profane Bauten. Wegen der vielen Kirchen und Klöster sprach man vom "schlesischen Rom". Schon zum Ausgang des Mittelalters bestimmte die gotische St. Jakobuskirche das Stadtbild. So zeigt es der Holzschnitt in der Schedelschen Weltchronik von 1493, und so beherrscht das nach den Zerstörungen des letzten Krieges wiedererstandene Steildach auch heute die Silhouette der Stadt. Zum Stadtbild gehörten der 85 m hohe schlanke Ratsturm (1945 zerstört) und die Kämmerei (schwer beschädigt erhalten). Unversehrt blieben der  Schöne Brunnen  von 1686; zwei Türme der alten Stadtbefestigung: der Breslauer und der Berliner (Münsterberger) Torturm; die Bauten um den Salzring: das Gymnasium Carolinum mit der Jesuitenkirche, das St. Anna-Seminar und das Stammhaus der Grauen Schwestern. Von den vielen schönen Bürgerhäusern der Barock- und Rokokozeit haben ganz wenige das Inferno von 1945 überstanden. Geblieben sind die Neubauviertel auf dem Gelände der früheren Festungsanlagen. Neisse wurde nach dem Krieg in neuem Stil wiederaufgebaut.

 

In der Stadt hatte sich über die Jahrhunderte ein reges kulturelles und wirtschaftliches Leben entwickelt. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts war in Neisse eine Druckerei eingerichtet worden, in der der Neisser Martin Helwig 1561 die erste Landkarte Schlesiens druckte. Vom 16. Jahrhundert an sind in Neisse Theateraufführungen nachzuweisen. Seit 1852 bestand das Stadttheater, das Schauspiele, Opern und Operetten darbot. Die Pfarrbibliothek und die Bibliothek des Gymnasiums Carolinum besaßen wertvolle Handschriften und Frühdrucke. 1838 wurde die Wissenschaftliche Gesellschaft Philomathie gegründet; sie war die zweitälteste ihrer Art in Schlesien und bestand bis 1945.

 

Ring mit Kammereigebäude und Ratsturm
Im Hintergrund die St.Jakobuskirche und der Glockenturm
Aus: Franz-Christian Jarczyk: Neisse um 1900 auf alten Ansichtskarten. Hildesheim 1986, S. 9

 

Im 17. Jahrhundert hatte der Handel mit Garn und Leinen und vor allem mit ungarischen, italienischen und österreichischen Weinen zum Wohlstand beigetragen. Vom 14. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren Zinngießer tätig; berühmt waren ihre großen Innungskannen. Im Barock und Rokoko blühten das Gold- und Silberschmiedehandwerk. In den 1920er Jahren erlebte das Kunsthandwerk in den "Ostdeutschen Werkstätten" mit Arbeiten in Keramik, Metall, Holz und Textil noch einmal eine kurze Blütezeit. Ende des 19. Jahrhunderts waren in Neisse-Neuland Industriebetriebe zur Fertigung von Werkzeugmaschinen und Brauereieinrichtungen entstanden. Eine Spezialität Neisses, bekannt über Schlesien hinaus, war das "Neisser Konfekt".

Die Bewohner der Stadt waren - ausgenommen während einiger Jahrzehnte im 16. Jahrhundert - überwiegend katholisch. Von 1575 bis 1655 befand sich das Breslauer Priesterseminar in Neisse. Mit der Säkularisation wurden die Klöster und Stifte aufgelöst und ihr Besitz eingezogen, die Magdalenerinnen allerdings durften in ihrer Mädchenschule noch einige Zeit unterrichten. 1842 gründeten Neisser Bürgertöchter die Kongregation der Grauen Schwestern von der hl. Elisabeth. Die Kongregation der barmherzigen Schwestern des hl. Carl Borromäus übernahm 1848 die Verwaltung des fürstbischöflichen Oberhospitals. Die Armen Schulschwerstern von U. L. Frau eröffneten 1898 in der Friedrichstadt eine kleine Niederlassung. Die Franziskaner errichteten 1900 an der Rochusallee ein Kloster, 1904 folgte die Kirche. Die Steyler Missionare bauten 1892 in Oberneuland ihr Kloster Heiligkreuz, 1907 die Kirche. In Rochus bestand seit etwa 1910 eine Niederlassung der Marienschwestern. 1899 wurde in Neisse der 46. deutsche Katholikentag abgehalten.

Die Reformation war während der Regierungszeit des Bischofs Jakob von Salza (1521-1539) ohne besondere Erschütterungen gekommen. In der Stadt hatte sich eine evangelische Gemeinde gebildet, die während der Gegenreformation an Boden verlor und unter der preußischen Herrschaft ein freies Leben führen konnte. König Friedrich der Große ließ das Rathaus abbrechen und eine evangelische Garnisonkirche errichten (später: Stadthalle), die auch der Zivilgemeinde zur Verfügung stand. Nach der Säkularisation erhielt die Gemeinde die gotische ehemalige St. Barbarakirche der Franziskaner (später: Christuskirche). Im Jahr 1885 wurde mit dem Bau der neuen einschiffigen Garnisonkirche nahe der Berliner Neißebrücke begonnen; dieser neugotische Bau mit fast 1.000 Sitzplätzen hatte den Krieg ohne größere Schäden überstanden; er wurde 1953/54 abgerissen.

Nach dem 1. Vatikanischen Konzil bildeten sich 1873 in der Stadt eine altkatholische Gemeinde,  der anfangs die katholische Kirche St. Peter und Paul (Kreuzkirche) zugewiesen wurde, später die ehemalige evangelische Garnisonkirche am Ring.

Eine erste Nachricht über jüdische Einwohner liegt für 1420 vor; 1432 wird ein Judenfriedhof in der Altstadt erwähnt. König Friedrich d. Gr. ordnete 1779 an, daß die Juden die Stadt zu verlassen hätten. Eine erste Synagoge befand sich in der Weberstraße, der Neubau von 1892 in der Josefstraße wurde 1938 verwüstet. Im Jahr 1895 lebten in Neisse 371 jüdische Einwohner.

 

 

Schöner Brunnen
Schöner Brunnen (1686)
Aus: E. Bach: Oberschlesien in Farbe, Würzburg 1991, S. 73

 

 

 

Nach den Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg war der Barock in die Stadt gekommen. Der Breslauer Fürstbischof Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg (1683-1732) ließ die Jesuitenkirche, das Kreuzherrenstift (später: Fürstbischöfliches Oberhospital) mit der Kreuzkirche, das Jesuitenkolleg (später: Gymnasium Carolinum) und das Bischofpalais (später Land- und Amtsgericht) erbauen. Für die nach Neisse gerufenen Magdalenerinnen ließ der Bischof ein Kloster mit Kirche und Mädchenschule errichten. Ein drei-geschossiger fast quadratischer Palastbau mit Innenhof, Seitenlängen etwa 50 m, wurde für ein großes Hospital gestiftet ("Kurfürstliches Neugebäu"); er wurde bereits 1741 von den Österreichern zur besseren Verteidigung der Stadt niedergelegt.

Drangsale und Zerstörungen brachten die Raubzüge der Hussiten (1428), der Dreißigjährige Krieg (1618-1648), die drei Schlesischen Kriege (1740-1742, 1745 und 1756-1763) und Napoleons Soldaten mit den Rheinbundtruppen (1807). Schon in österreichischer Zeit war Neisse befestigt gewesen. Friedrich d. Gr. baute die Stadt zu einer der stärksten Festungen Preußens aus. Als neuen Stadtteil gründete der König die Friedrichstadt mit Festungsbauten, eigenem Wappen und eigener Verwaltung (1811 in die Stadt eingemeindet).

 


Im Jahr 1859 kam eine der drei preußischen Kriegsschulen nach Neisse. Bis zum Ersten Weltkrieg war die Stadt Sitz eines Divisionsstabes und von Kommandos je einer Kavallerie-, Infanterie- und Feldartilleriebrigade, zweier Infanterieregimenter, einer Fußartillerieabteilung und eines Pionierbataillons. Bis Ende des Zweiten Weltkrieges befand sich in Neisse das Kommando einer Infanteriedivision, eines Infanterieregimentes, zweier Artillerieabteilungen, einer Sturmgeschützbrigade und eines Pionierbataillons.

Als 1877 die sogenannten Rayonbeschränkungen entfielen, konnte der innere Festungsgürtel beseitigt werden, der einer Ausdehnung der Stadt im Weg gestanden hatte. Anstelle der Wallanlagen umgaben nun Promenaden die Innenstadt, es entstanden Wohnviertel im Stil der Gründerzeit. Nach dem Ersten Weltkrieg, als Flüchtlinge aus Ostoberschlesien nach Neisse kamen und die Wohnungsnot drückend wurde, wurden Ka-sernen in Notwohnungen umgebaut. Von 1920 bis 1930 wurden zu ungefähr 5.800 bestehenden Wohnungen 1.100 Neubauwohnungen im Süden der Stadt errichtet. Als erste Stadt Schlesiens baute Neisse nach dem Ersten Weltkrieg auf ehemaligem Festungsgelände eine 6,5 ha große Stadionanlage mit Spiel- und Tennisplätzen.

Neisse war eine Stadt der Schulen. Bereits im 14. Jahrhundert gab es ein Pfarrgymnasium, das aus einer wohl vor 1300 bestehenden Pfarrschule hervorgegangen war und Mitte  des 17. Jahrhunderts wieder Pfarrschule wurde, nachdem die Jesuiten ihr Kolleg eingerichtet hatten. Das Gymnasium Carolinum war 1624 von Bischof Erzherzog Karl als Jesuitenkolleg gestiftet worden. Erster Rektor war der Astronom und Mathematiker Christoph Scheiner, der Entdecker der Sonnenflecken; er starb 1650 und wurde in der Krypta unter der Jesuitenkirche bestattet. Mitte des 17. Jahrhunderts hatte die Stadt vier sogenannte deutsche Schulen, deren Gründung früher angenommen werden darf.

 

 

 

In der letzten Zeit gab es in der Innenstadt und in den Vororten acht Volksschulen, eine Berufsschule, eine bäuerliche Werkschule, die Oberschlesische Feuerwehrschule und das Volksbildungshaus Heimgarten, in dem von 1923 bis 1932 die Ostdeutschen Hochschulwochen stattfanden. 1832 war eine der ersten Realschulen Ostdeutschlands gegründet worden, aus der das Realgymnasium Eichendorffschule hervorging. Es gab ein Oberlyzeum mit Frauenschule, eine höhere Handelsschule sowie Gymnasien der Franziskaner und der Steyler Missionare.

Als 1940 die Klostergymnasien aufgelöst wurden, kam in das Haus der Steyler eine Lehrerbildungsanstalt. Schüler des Gymnasiums Carolinum waren der General der nordamerikanischen Unabhängigkeitskriege Friedrich Wilhelm von Steuben, der Afrikaforscher Emin Pascha (Dr. Eduard Schnitzer), der Altphilologe Franz Skutsch, der Dichter Max Herrmann-Neisse, der Chirurg Rudolf Nissen, der Althistoriker Ulrich Kahrstedt und der Bischof Heinrich Theissing. Das Realgymnasium besuchten der Schriftsteller Franz Jung, der Zoologe Bernhard Grzimek und der Chemiker und Nobelpreisträger Konrad Bloch. Neisse ist der Geburtsort des Dichters Friedrich von Sallet. Der Dichter Joseph von Eichendorff verbrachte in Neisse die letzten Lebensjahre, er ist auf dem Jerusalemer Friedhof begraben. Der Philosoph und Publizist Carl Jentsch lebte über 40 Jahre hier, er ruht auf dem Rochusfriedhof.

Zur Zeit der Postkutschen und reitenden Boten lag Neisse an der Straße von Breslau nach Ölmütz und Wien, an den Strecken nach Glogau, Patschkau, Glatz, Oppeln-Tarnowitz und Ratibor-Pleß.

St. Peter- und Paulkirche
St. Peter- und Paulkirche der Kreuzherren
Aus: F.-C. Jarczyk: Neisse. Kleine Stadtgeschichte in Bildern, Würzburg 1994, S. 37

 

Den ersten Anschluß an das Eisenbahnnetz erhielt Neisse 1848 mit der Strecke nach Brieg-Breslau; 1874 folgten die Verbindungen nach Kamenz, 1875 nach Ziegenhals, 1876 nach Neustadt und 1887 nach Oppeln. Die zwei Kreisbahnstrecken nach Steinau und Weidenau wurden 1912 eröffnet. Von 1927 an bestand über den Flugplatz Stephansdorf ein Anschluß an den inländischen Luftpostverkehr.

Im Jahr 1937 wohnten in Neisse etwa 36.000 Einwohner. Die Bewohner der Stadt, so weit sie nach den Kampfhandlungen des Zweiten Weltkrieges wieder zurückgekehrt oder dort geblieben waren, wurden in den Jahre n1945 und 1946 fast ausnahmslos vertrieben, ihre Habe war ihnen vorher abgenommen wor-den.               

Franz-Christian Jarczyk

 

Literatur:

Georg Weißer: Neisse, in: Waldemar Grosch (Bearb.): Schlesisches Städtebuch (Deutsches Städtebuch. Neubearbeitung. Bd. 1: Schlesien) Stuttgart, Berlin, Köln 1995, S. 276-283.

Paul Ronge: Neisse, in: Hugo Weczerka (Hg.): Schlesien. Handbuch der historischen Stätten. Stuttgart 1977, S. 331-338.

Friedrich Albert Zimmermann: Beyträge zur Beschreibung von Schlesien. 3. Bd. Brieg 1784.

Ferdinand Minsberg: Geschichtliche Darstellung der merkwürdigsten Ereignisse in der Fürstenthums-Hauptstadt Neisse. Neisse 1834

Bernhard Ruffert: Kurze Chronik von Neisse. Neisse 1910

G. Weißer: Führer durch Neisse und seine Geschichte. Neisse 1939.

Romuald Bergner: Truppen und Garnisonen in Schlesien 1740-1945. Friedberg/H. 1987.

Werner Bein, Vera und Ulrich Schmilewski (Bearb.):  Neisse. Das schlesische Rom im Wandel der Jahrhunderte. Würzburg 1988.

Franz-Christian Jarzcyk: Neisse. Kleine Stadtgeschichte in Bildern. Würzburg 1994.

 

Mehr zu Neisse (Nysa)

Neisse heute
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