Jauer (Jawor)

 

 

Fährt man von Liegnitz (Legnica) nach Süden in Richtung Hirschberg (Jelenia Góra), Striegau (Strzegom) so kommt man nach ca. 12. km durch Jauer (Jawor). Folgt man dann der Weg-weisung nach Hirschberg, so wird man fast an das Zentrum der Stadt herangeführt.

Der früheste sichere Beleg von Jauer stammt aus dem Jahr 1275, als die Witwe des Lokators Hermann in Jauer ein Stück Land bestätigt bekam. Ein Lokator, heute vielleicht mit einem Immobilienmakler oder Bauträger vergleichbar, sollte in dem dünnbesiedelten Land neue Städte und Dörfer gründen. Eine Entstehung des Ortes um 1008 wird nicht für sehr glaubhaft gehalten. Jauer hatte in ca. 3 km Entfernung, mit „Alt-Jauer“ eine slawische Vorgängersiedlung. Sie könnte evtl. mit früheren Urkunden in Verbindung gebracht werden. 1242 wird ein Pfarrer in Jauer erwähnt. Da Alt-Jauer keine Kirche besaß, handelt es sich hier sicher um die städtische Pfarre. Damit wurde der Ort vor 1242 gegründet.


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Ring Westseite

 

Durch ständige Teilungen wurde 1278 Jauer ein eigenes Herzogtum, ging aber bei Vereinigungen bald wieder unter. Der 3. Sohn von Bolko I.v. Schlesien, der spätere Heinrich I. v. Jauer, erhob nach einer erneuten Teilung von 1312, Jauer mit Löwenberg wieder zu einem selbständigen Fürstentum.1346 starb er kinderlos und vererbte alles seinem Neffen, Herzog Bolko II. v. Schweidnitz. Der vereinte die beiden Fürstentümer und so verlor Jauer teilweise den Residenzcharakter. 1368 starb auch er kinderlos und hatte seine Nichte Anna v. Schweidnitz als Erbin eingesetzt. Allerdings erhielt Agnes, die Ehefrau von Bolko II., die Nutznießung der beiden Fürstentümer bis zu ihrem Tod im Jahr 1392. Kaiser Karl IV. heiratete 1353, nach dem seine 2. Frau gestorben war, Anna v. Schweidnitz. Als 1392 das Erbfürstentum an die Krone Böhmens fiel, Karl IV. war seit 1378 tot, wurde Jauer Hauptstadt des Fürstentums und von Landeshauptleuten verwaltet. Dies ergab für die Stadt positive Aspekte, nachdem sie schon 1326 das Meilenrecht, 1329 den Salzmarkt, 1349 das Marktrecht, 1355 das Handelsrecht mit Böhmen, wie Breslau und 1371 das Münzrecht für Silber erhalten hatte.1372, bzw. 1380 erwarb man die Erb- und Landvogtei und erhielt so die niedere und höheren Gerichtsbarkeit. Ab 1404 gab es am Donnerstag und Sonnabend Markttage. Im 16. Jhdt. war Jauer das Zentrum des schlesischen Leinenhandels.

 

 

 

Marktplatz mit Rathaus

 

 

 

1526 fiel, wie ganz Schlesien, auch Jauer an die Habsburger und im selben Jahr wurde der erste evangelische Pfarrer in St. Martin erwähnt und bis 1560 setzte sich die Reformation durch. 1590 verwüstete ein Großbrand fast die ganze Stadt. 1621 erfolgte die erste Besetzung durch fremde Truppen im 30-jährigen Krieg. 1629 versuchten die berüchtigten „Liechtensteiner Dragoner“ den Katholizismus wieder einzuführen. 1636 wurde der evan-gelische Pfarrer vertrieben und 1637 ein katholischer Magistrat eingesetzt und die Franziskaner kehrten zurück, die 1565 Jauer verlassen hatten. Verschiedene Truppen besetzten und plünderten die Stadt immer wieder bis 1648, und selbst in diesem Jahr brannten die Schweden fast ganz Jauer nieder. Jauer hatte kaum noch 60 selbständige Bürger aufzuweisen. Man baute die Stadt mit Kirche und Schloss wieder auf, konnte aber die frühere Bedeutung nicht mehr zurückgewinnen.

Jauer bewarb sich nach 1648 um eine der drei, im westfälischen Frieden, vom Kaiser zugestandenen evange-ischen „Friedenskirchen“. Nach ihrer Genehmigung wurde sie 1654-55 vor dem Goldberger Tor erbaut.

Am 26. 01. 1741 zog Friedrich d. Große in die Stadt ein und Jauer wurde preußisch, wenn auch danach der Ort 1757 und 1760/61 noch einmal von österreichischen und russischen Truppen besetzt wurde. 1647 wurde das herzogliche Schloss in ein Arbeitshaus und später in ein Zucht- und ein Irrenhaus umgewandelt, seit 1888 war es nur noch Frauenstrafanstalt. 1776 vernichtete ein Großbrand fast die gesamte Stadt und 1807 wurde sie kurz von Franzosen besetzt. Am 26. 8. 1813 begann von hier aus unter Blücher der erfolgreiche Befreiungskrieg mit der „Schlacht an der Katzbach“, wo die Franzosen besiegt wurden.

Wirtschaftlich hatten sich im 19. Jhdt. die Schwerpunkte ebenfalls gewandelt. So wurde die Tuchmacherei und der Leinenhandel vom Getreidehandel, dem Wagenbau, der Zigarren-, Leder-, und Holzfabrikation, sowie von der Steinindustrie abgelöst und sie sind teilweise bis heute wirtschaftliche Grundlage der Stadt. Für die Wirtschaft der Stadt war es ein wichtiger Faktor, als 1856, als die Eisenbahn von Liegnitz aus Jauer erreichte.

1799 hatte sich in Jauer eine Wanderbühne niedergelassen und die alten Schuhbänke an der Südseite des Rathauses als Theater genutzt. Um die Mitte des 19. Jhdts. baufällig geworden, brach man die Anlage ab und errichtete 1875 ein neues Theatergebäude an der gleichen Stelle, das bis zum heutigen Tag in Betrieb ist. 1933 wurde die Bühne zum „Niederschlesischen Landestheater“ erhoben.

Aus der alten Lateinschule ging 1865 das Gymnasium in Jauer hervor und nach 1880 entstand auch ein Lyzeum für Mädchen.

Die Aufwärtsentwicklung der Stadt zeigt die Einwohnerzahl, die 1787 bei 4 000 und 1939 bei 14 000 lag. Am 12. 2. 1945 erreichen die russischen Truppen die Stadt, die in dieser Zeit und auch noch danach unter polnischer Verwaltung erheblich zerstört wurde. 1946 wird die restliche deutsche Bevölkerung vertrieben.

 

 

Rundgang: Wir beginnen unseren Rundgang an der Friedenskirche außerhalb der ehemaligen Stadtmauer. Sie wurde 1654-55 nach Entwürfen von Albrecht v. Saebisch aus Breslau vom örtlichen Baumeister Andreas Gamper oder Kempner, nur aus Holz und Lehm und ohne Turm, erbaut. Sie steht mitten in einem ehemaligen Friedhof, ist 44 m lang und 24 m breit und bot 5 000 - 6 000 Perso­nen Platz. Diese Größe war nötig, da die Gläubigen bis zu einer Entfernung von 70 km hierher kamen. Der Glockenturm wurde im Jahr 1707 nach der Altranstädter Konvention angebaut. Mit den entsprechenden Nebengebäuden, war hier ein evangelisches Gemeindezentrum entstanden. Heute werden hier polnische evange­lische Christen betreut. Die Kirche wird derzeit mit deutschen Mitteln wieder instandgesetzt und wurde 2001 in das „Weltkulturerbe“ aufgenommen.

 

Friedenskirche

 

Nur wenige 100 m weiter, am Rande er Innenstadt, direkt an der Stadtmauer steht die katholische Pfarrkirche St. Martin. Sie ist eine dreischiffige, frühgotische Hallenkirche aus dem 14. Jahrhundert, wobei Bauteile schon aus dem 13. Jahrhundert stammen. Beachtenswert ist das südliche Renaissanceportal. Über der südlichen Chortüre ist im Tympanon der Hl. Martin zu erkennen. 1648 brannte die Kirche ab, und wegen der langen Wiederherstellungsdauer konnte erst 1678 ein neuer Hochaltar geweiht werden.

Hinter der Kirche sieht man noch Reste der ehemaligen Befestigung, heute Engelsburg genannt. Hier befand sich zeitweise das Schulzentrum von Jauer.

Nach wenigen Metern südlich stehen wir auf dem Ring. Er bietet das gewohnte Bild mit dem großen rechteckigen Marktplatz und dem Rathaus in der Mitte, das nach einem Brand 1896-97 im Stil der Neurenaissance wieder aufgebaut wurde. Lediglich der gotische Rathausturm aus dem 16.Jhdt., mit der Turmhaube aus dem 17. Jhdt., blieb erhalten. Südlich an das Rathaus angebaut steht das 1875 errichtete Theatergebäude. Der Ring ist umsäumt von z. T. kleinteiliger Bebauung aus der Barock- und Renaissancezeit, in die Laubengänge integriert sind. Sie entstanden nach dem Stadtbrand im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts. Ein Teil der ursprünglichen Ringbebau­ung wurde 1945 zerstört. Die nach-empfundenen Betonbögen bei der Neubebauung mit dem Versuch, den Charakter der Ringbebauung auf der Nord- und Ostseite zu erhalten, überzeugen nicht.

Wenige Meter nördlich, von der Nordostseite des Ringes entfernt, steht die barocke Barbara-Kirche. Sie soll noch vor der Pfarrkirche erbaut worden und damit das älteste Gotteshaus von Jauer sein. 1311 wird von ihrer Reparatur berichtet. Sie diente zunächst als Hospitalkirche, wurde dann Magazin und war seit 1846 Begräbniskirche. 1776 abgebrannt, stammt der heutige Bau aus dem Jahr 1786.

Wir verlassen den Ring in östlicher Richtung und kommen zum sog. „Striegenturm“. Er gehörte zum Striegauer Tor und ist einer der wenigen Reste der Stadtmauer in Jauer.

Wir folgen der Straße, die in einem kleinen Bogen zur Südostseite des Ringes zurückführt. Südlich, nach wenigen Metern stehen wir vor dem ehemaligen 1485/88 gegründeten Franziskanerkloster. Zunächst sehen wir den schönen Lisenengiebel der dreischiffigen ehemaligen Marienkirche. Es ist ein typischer Bau der Backsteingotik. Daran schließen sich die ehemaligen Klostergebäude an, die im Krieg zerstört, inzwischen wieder aufgebaut wurden. Heute, wie auch in deutscher Zeit, hat hier das Heimatmuseum seinen Platz gefunden.

Drehen wir uns um 180°, dann sehen wir vor uns die kleine Rundkapelle der St. Adalbertkirche. Sie entstand 1364 als Synagoge für die israelitische Gemeinde. Als man 1420 die Juden aus Jauer vertrieb, wurde die Synagoge in die Adalbertkirche umgewandelt.

Gehen wir westwärts an der Kapelle vorbei und biegen in die nächste Querstraße nach Süden ein, so grüßt uns wieder ein barocker Kirchengiebel, der des ehemaligen „Berhardinen-Klosters“.

Nun wenden wir uns weiter nach Westen und kommen zum ehemaligen Piastenschloß. Es macht einen ungepflegten Eindruck und die Verwendung als Zucht- und Irrenhaus haben die Bausubstanz verändert und ihr geschadet. Im Schlosshof befindet sich ein schönes Renaissanceportal, das noch aus der Zeit stammt, als hier Landeshauptleute die Region verwalteten. Auf der Südseite des Schlosses fällt das Gelände stark ab und unten fließt die „wütende Neiße“. Von hier ist erkennbar, dass die Anlage direkt in die Stadtmauer hineingebaut und Bastionen der Stadtmauer in den Schlossbau mit einbezogen wurden. Damit endet der Rundgang durch das historische Jauer.

 

Joachim Lukas

 

Literatur

 

 

 

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