Daniel Casper von Lohenstein

Porträt

 

 

Zu  Beginn des 16. Jahrhunderts klagte man, daß unter gebildeten Leuten so viele nicht einmal dem Namen nach Schlesien kannten. Hundert Jahre später freilich standen die Schlesier im Ruf, in Sachen der Dichtkunst als unfehlbare Autoritäten zu gelten: Im 17. Jahrhundert waren die Schlesier in Deutschland die  Nation der Dichter; und dieser Ruf ist ihnen wohl erhalten geblieben. Eine Nation der Denker sind sie nicht gewesen, wohl aber eine der "Grübler und Sinnierer", das zwischenstufigen und hintergründigen, das "Mit-der-Seele-Denkens". Dieses Dichtertum und die schlesische Mystik haben ihre präzisen Geburtsdaten:

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 Die Poesie 1617 mit dem Erscheinen des "Aristarch" von Martin Opitz, des Vorläufers seiner spektakulären "Poeterey" von 1624, und die Mystik im Jahre 1600 mit Jakob Böhmes folgenreicher  "Erleuchtung", dem Erlebnis vom "Grund der Dinge". Beide Daten markieren diese weitreichenden Entwicklungsreihen schlesischer Dichtung und schlesischer Mystik. Diesem dichterisch-mystischen Erkenntnis- und Gestaltungsdrang sind Andreas Gryphius, ein Daniel von Czepko, Angelus Silesius, Quirinus Kuhlmann ein Christian Hofmann von Hoffmannswaldau im ihrem Schaffen verpflichtet. Und auch ein Daniel Casper von Lohenstein.

Lohenstein wurde am 25. Januar 1635 in Nimptsch geboren, er besuchte von 1642-1651 das Breslauer Magda-lenengymnasium und studierte Jura 1651 in Leipzig, von 1653 an in Tübingen. Ab1655 war er als Hofmeister in Leiden und Utrecht tätig, dann in der Steiermark und in Ungarn; 1657 war er Advokat in Breslau, stieg zum Se-natssyndikus in Breslau (1670) auf; in diesem Jahr erfolgte auch die Nobilitierung der Familie Casper als "von Lohenstein". Von 1675 ist eine diplomatische Mission zum Wiener Kaiserhof bekannt und weitere Ehrungen als Obersyndikus und kaiserlicher Rat.

Nach Gryphius war Lohenstein der bedeutendste Dramatiker des Jahrhunderts; er stellte sein Werk bewußt in den Dienst der höfisch-absolutistischen Staats- und Weltsicht. Dabei spielen bürgerliche Vernunft und Lebenserfahrung eine wichtige Rolle, die Affekte und Leidenschaften sollen zugunsten der "vernünftigen" Staatsräson zurückge-drängt werden. Die "Zucht" und die "Tugend", zu der Lohenstein erziehen möchte, wird als "das einzige Kleinod des Menschen" angesehen, "übertrifft alle Vortrefflichkeit der Tiere ...", ja macht ihn den Göttern gleich. Diese Vernunftidee paart sich mit philosophischen Auffassungen der Stoa: Der heroische Idealismus, der seine Berech-tigung in der göttlichen und vernünftigen Staatsräson gründet, erhält ein Gegengewicht durch die gebotene Einsicht, daß eben alle Widersprüche und unzureichenden Zustände und Verhältnisse der Ordnungen vom Menschen zu (er)tragen sind. In Lohnsteins Roman "Arminius" heißt es: "In der Geduld besteht die halbe Weisheit."

 

Buchumschlag
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Aus: C. Brancaforte: Lohensteins Preisgedicht "Venus", München 1974



Eichendorff hat diesen einzigen Roman Lohensteins als eine "toll gewordene Realenzyklopädie" bezeichnet, der erst nach seinem Tod erschien (1689 in Leipzig). Lohenstein hatte seinen Roman dem "deutschen Adel zu Ehren und rühm-lichen Nachfolge" gewidmet - an die 4000 Seiten, ein nicht abgeschlossener Entwurf: Der den übersteigerten patriotischen Ehrgeiz des Verfassers zeigt, der sich aus der Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges heraus äußerte. Lohenstein wollte die Erinnerungen an das alte Germanien wecken, indem er den Freiheitskämpfer zum barocken Heros stilisierte. Die künstlerische Gestaltung des Werkes, der ein Spiegelbild der Zeit sein sollte - und letztlich erst mit Grimmelshausen die Erfüllung brachte -, zeigte das "Abendrot einer versinkenden Welt."

Lohensteins Dichtungen, die auch Gedichte, Sinnsprüche und allegorische Lehrtexte aufweisen, zeigen eine Überbetonung der Form: es wird deutlich, daß eine bestehende Artistik den volkstümlich-wirklichkeitserfüllten Bezug erschwert. Dem Dichter geht es um die Sichtbarmachung interessanter "Fälle", "Affekt"-Handlungen, die aber nicht den inneren Wandlungs- und Entwicklungsvorgang des Helden aufzeigen, nicht den Prozeß des Charakters veranschaulichen. Bei Lohenstein herrscht die aus der spanischen Scholastik eines Suarez überkom-mene Art der Disputatio vor, die sich logisch-rationaler Methoden (für die religiöse) Argumentation bedient, die aber nicht zu einer Überzeugung des einen Disputanten durch den anderen führt, sondern das Fazit durch einen dritten ziehen läßt. Ein Vergleich mit Andreas Gryphius zeigt, daß auch dieser als Dramatiker versuchte, personi-fizierte ethische Probleme darzustellen, jedoch erwuchsen sie bei ihm aus zutiefst Durchlebtem und Gedachtem. Von den Zeitgenossen wurden Lohensteins Stücke als "Theatrum mundi" angesehen und hatten daher eine größere historische Wirkung als die Dramen von Andreas Gryphius. In der repräsentativen Sammlung deutscher Gedichte des 17. Jahrhunderts "Wir vergehn wie Rauch von starken Winden" (Berlin 1985) hat der Herausgeber Eberhard Haufe Lohensteins Gedichten einen wichtigen Stellenwert zuerkannt.                                                               

Günter Gerstmann

 

 

Ausgaben

 

 

Literatur

 

 

Horst Bienek
Jakob Böhme
Josef von Eichendorff
Gustav Freytag
Andreas Gryphius
J.C.Günther
Gerhart Hauptmann
Max Hermann-Neiße
C. Hoffmann von Hoffmanswaldau
Karl von Holtei
Paul Keller
August Kopisch
Heinrich Laube
Daniel Casper von Lohenstein
Martin Opitz
Angelus Silesius
Hermann Stehr
Moritz Graf Strachwitz