Hermann Stehr

Hermann Stehr
Portrait Hermann Stehr

 

Schon beizeiten war für Hermann Stehr das Zerbrechliche hinter den äußeren Erscheinungen des Lebens erkennbar geworden, und ihm wurde bewußt, daß alles seine Zeit hat. Seinem Weg nach innen, zur innersten Mitte, aus der uns letztlich Kräfte zuwachsen, die uns zu heilen vermögen, und befähigen, auch für andere da sein zu können, vermochte mancher Mensch nicht zu folgen. So erlangte sein Werk nicht die Volkstümlichkeit, wie manche dem Zeitgeschmack sich unterwerfende Schriftstellerei. In dem, was er schrieb, war nichts, was er nicht selbst irgendwie  durchlebt hatte oder von dem großen Verständnis für das Ausgesetztsein des Menschen in dieser Welt zeugte.

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Am 16. Februar 1864 wurde der Dichter in Habelschwerdt in der Grafschaft Glatz als fünftes Kind eines Sattlermeisters geboren. Nach der Geburt stand zu befürchten, daß der Ankömmling womöglich nicht  lange zu leben hätte, weil das 'Totenkränzlein' an seinem Kopf zutage trat und die Hebamme ihn darum nottaufte, in Watte packte und in das warme Ofenrohr schob. Und wie sagte er selbst später darüber: "So begann nun mein Leben wie ein Sterben, mein Anfang schien mein Ende und mein Dasein ein ungeträumter Traum werden zu sollen ..." So wuchs er unter der aufopferungsvollen Pflege der Mutter heran, die er später einmal so beschrieb: "Sie war eine stille Frau, deren Seele so rein und groß und reich blühte, daß sie ohne Intellektualismus im Besitz der ganzen Wunder dieser Erde war."

Hermann Stehr wächst in den 'Gründerjahren' auf, wo mancher in Deutschland, nach den gewonnenen Kriegen von 1864 und 1870/71, einerseits zu einem gewissen Reichtum gelangte, aber es andererseits  durch die zunehmende Ausweitung der Industrie in den Städten zu einer Verelendung unter den Arbeitern kam. Neben der immer stärker anwachsenden Arbeiterbewebung wurden die herrschenden Zustände auch von den engagierten Dichtern wie Gerhart Hauptmann beschrieben und bekämpft. Hermann Stehr, der nach dem Besuch der Volksschule und der Präparandenanstalt in Bad Landeck das Lehrerseminar in seiner Heimatstadt besuchte und mit seinem kritischen Geist das zur Kenntnis nahm, sah sich angesichts dessen zu Stellungnahmen herausgefordert, die ihm noch vor der Zuweisung einer ersten Lehrerstelle Ärger mit den vorgesetzten Stellen einbrachte. Er mußte, wie er selbst sagte, strafweise durch "abseitige Dörfer" traben, weil man ihn dadurch in seine Schranken verweisen wollte. Man hielt Stehr für einen Ketzer und bezichtigte ihn sozialistischer und demokratischer Gesinnung; stellte ihn unter Polizeiaufsicht.

Im Jahre 1894 verheiratete er sich mit der Wirtstochter Hedwig Nentwig aus dem nahegelegenen Neu-Batzdorf, und immer neue Sorgen, wie Krankheiten und der Tod mehrerer Kinder, erschwerten das Leben in dem weltfernen Pohldorf, über das er sich so äußerte: "Die Schwere meiner Existenz drückte, aber sie erdrückte mich nicht .... Ja, je härter das Leben wurde, desto härter, kühner und freier packte ich es an."

1897 erschien sein erstes Buch, das den in diesem Zusammenhang beziehungsreichen Titel trägt Auf Leben und Tod, in dem die Erzählungen Der Graveur und Meicke der Teufel veröffentlicht wurden. Es brachte ihm auch die Freundschaft von Gerhart Hauptmann ein, der sich seiner fördernd annahm und dafür sorgte, daß er eines Tages von Pohldorf nach Dittersbach kam. Inzwischen kümmerte sich Stehr, neben dem anstrengenden Schuldienst, um das Fortgedeihen seines Werkes. So entstanden allein im Jahre 1898 die Novelle Der Schindelmacher, die Romane Leonore Griebel, Der begrabene Gott und Drei Nächte, in dem die mit dem Dichter identische Gestalt des jungen Lehrers Faber schonungslos die ihn nahezu in die Verzweiflung treibenden Lebensumstände beschreibt.

 

 

Das Höchste

Miß nah den Jahren das Leben nicht,
es brennt nicht länger als ein Licht,
und ehe du gedeutet um dich die Schatten,
sie werden dich mit Geläut bestatten.

Laß fahren die Tage und kommen die Jahre,
es ist die alte gewöhnliche Ware.
Doch was dir an bunten Gesichten erblüht,
was tief dir von innen beschleicht das Gemüt,

die Not des Sinnens, der Sinn der Not,
die Leidenschaft, die dein Gebein durchloht:
das sind die Frachten der Ewigkeit,
danach miß deines Lebens Zeit.

Gekrönt, gestrauchelt, erhöht, verlacht -
's ist eins! Nur das heißt Lebensmacht,
daß unser Geist die Rätsel klärt,
die durch die Seele er erfährt.

Hermann Stehr

Hermann Stehr

 


Durch seine literarischen Erfolge gestaltet sich der Umgang mit der Schulbehörde weniger schwierig und es entsteht nun unter menschenwürdigeren Verhältnissen Werk um Werk wie z. B. seine erste Märchendichtung Das letzte Kind und das Märchen Wendelin Heimelt. Hermann Stehr wird 1910 in Wien der 'Bauernfeld-Preis' überreicht. Nach 27 Jahren Schuldienst scheidet er 1911 wegen seines Ohrenleidens aus. Als er im Frühling 1913 zu Besuch bei Gerhart Hauptmann in Santa Margherita weilt, erschließt sich ihm auf einem Spaziergang nach Portofino intuitiv das Heiligenhof-Werk, durch welches er wohl am bekanntesten wurde. Der Roman Peter Brindeisener, 1924, steht im Zusammenhang dazu.

Inzwischen wurde dem Dichter 1919 der 'Johannes-Fastenraht-Preis' und der 'Schiller-Preis' zugesprochen. Es entstehen nach dem Umzug von Bad Warmbrunn nach Oberschreiberhau die Künstlernovellen Der Geigenmacher, 1926, Meister Catjetan, 1931, und Himmelschlüssel,1939. Weitere Auszeichnungen sind 1930 der 'Rathenau-Preis', 1932, die 'Goethe-Medaille' und 1933 der 'Goethe-Ring'.

Als die letzen großen Romane, die als ein Vermächtnis des Dichters an sein Volk anzusehen sind, erscheinen in zwei Bänden Nathanael Maechler, Die Nachkommen und Damian Maechler, worin das Lebensschicksal einer schlesischen Handwerkerfamilie von 1830 bis 1923 geschildert wird. Drei Geschlechter ringen darin um das irdische Recht und die himmlische Gnade, wie es auch im Untertitel: Droben Gnade, drunten Recht zum Ausdruck kommt.

Das Werk in seinem Sinne abzuschließen, vermochte Hermann Stehr nicht mehr. Am 11. September 1940 ist er verstorben und wurde am 15. September 1940 auf dem Floriansberg gegenüber seiner Vaterstadt Habelschwerdt in heimatlicher Erde zur Ruhe gebettet. Ein großer Findling stand auf seinem Grab, den die neuen Herren nach Ende des Krieges sich nicht scheuten zu entfernen, ganz so, wie es in den meisten Fällen mit den zurückgelassenen Gräbern der aus ihrem angestammten Land vertriebenen Schlesiern geschehen ist.

Eingedenk seiner Worte "Wer meine Werke liest, der erst weiß, wer ich bin", bleiben wir aufgefordert uns damit zu beschäftigen, denn sie sind, um mit Dr. Ernst Alker zu sprechen: "nicht minder eine, das dunkle Chaos unserer an Mensch und Gott, an Beharrung und Wandel, an der klärenden Funktion von Fühlen und Denken verzweifelten Zeit, fortdauernd erhellende Lichtquelle."

Konrad Werner

 

Ausgaben

Eine Gesamtausgabe der Werke Hermann Stehrs liegt nicht vor.

 

Literatur:

Ulrich Erdmann: Vom Naturalismus zum Nationalismus? Zeitgeschichtlich-biographische Studien zu Max Halle, Gerhart Hauptmann, Johannes Schlaf und Hermann Stehr. Frankfurt a. M., Berlin u. a. 1997

Arno Lubos: Hermann Stehr. Darmstadt o. J.

Fritz Richter (Hg.): Hermann Stehr. Schlesier, Deutscher, Europäer. Ein Gedenkbuch zum 100. Geburtstag des Dichters. Würzburg 1964.

Wilhelm Meridies (Hg.): Wangener Beiträge zur Stehr-Forschung 1971/72, 1977/78, 1979/80, 1980/81.

 

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