Moritz Graf Strachwitz

Moritz Graf Strachwitz

Portrait Moritz Graf Strachwitz

 

Auf die Dichtung aus Schlesien zu sprechen kommend, äußerte sich Agnes Miegel einmal so: "Ein Jakob Böhme, ein Martin Opitz, ein Andreas Gryphius, Eichendorff und Gerhart Hauptmann haben auf ihre Weise den Geist Europas bestimmt. Aber noch einer, wenngleich sein Feld abgesteckt ist, sei hier nicht vergessen. Ich meine den jungen Strachwitz."

Moritz Graf Strachwitz wurde am 13. März 1822 im Hause seiner Urgroßmutter, der Freiin Antonie Therese von Saurma, zu Frankenstein geboren. In dem alten malerischen Wasserschloß von Peterwitz ist er aufgewachsen. Hier prägte sich die Phantasie des lebhaften Knaben, der schon mit vier Jahren fließend lesen konnte, durch mancherlei Anregungen aus.

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Dichterische Neigungen stellten sich zu aller Verwunderung schon beizeiten ein. War er doch begierig darauf Rittergeschichten, Sagen und Märchen zu vernehmen und diese auf seine Weise zu deuten. Er erhielt zunächst häuslichen Unterricht, bis seine Mutter mit den Söhnen nach Glatz übersiedelte, wo er in die Tertia des dortigen Gymnasiums eintrat.

Weil der Aufenthalt in Glatz nicht mehr förderlich erschien, kam Moritz Graf Strachwitz als Sechzehnjähriger Ostern 1838 zusammen mit seinem Bruder in die Obersekunda des Schweidnitzer Gymnasiums. Dort begann für ihn die Zeit des 'Erwachenden", und mit seinem Schaffen bemühte er sich, öffentlich bekannt zu werden. Dabei erfuhr er von verschiedenen Seiten, sei es von den Lehrern, Kameraden, Verwandten oder Bekanten eine entsprechende Unterstützung. Die Erinnerung an das dichterische Genie Johann Christian Günther, der hier die evangelische Gnadenschule besucht hatte, und an den Kirchendichter Pastor Benjamin Schmolck regten den jungen Dichter zur Beschäftigung mit deren Werken an.

Wie schreibt doch sein Mitschüler Karl Weinhold, der auch sein erster Biograph war, über den Dichter: "Dichtung und Dichtkunst gehörten zum Leben der Schweidnitzer Schüler. Möglich war dies nur durch eine glückliche Konstellation. Strachwitz war der Mittelpunkt, um den wir anderen, welche Verse schnitzen, uns bewegten; denn an Talent und Kunstübung übertraf er uns alle."

Hanns Martin Elster merkt in seiner Biographie zu Moritz Graf Strachwitz an: "Es waren vor allem die zeitgenössischen Dichter, die dem Primaner um 1840 nahetraten ... Vor allem aber waren Uhland und Eichendorff die Führer von Strachwitz, dessen Doppelseele auch von Platen und Heine ganz eingefangen wurde. Strachwitz hat Heine nach Form, Stimmung, Ton, Sprache und Ausdruck ganz in sich aufgenommen und er gefiel sich ebenfalls im Ironisieren, er ahmte ihn bewußt nach ..." Dieser führte an anderer Stelle aus: "Das Examen selbst bestand er ohne Schwierigkeiten; Hervorragendes leistete er freilich nur in der Literatur, wo er über Martin Opitz, Paul Fleming, Ballade, Romanze, neuere Dichter gute antworten gab."

Danach nahm der Dichter an der Breslauer Universität das juristische Studium auf, von dessen Beginn an er sich die Veröffentlichung seiner Verse vornahm. Nach einer eingehenden Sichtung kamen 1842 diese unter dem Titel Lieder eines Erwachenden heraus. Außer den vielen erfreulichen Kritiken gab es einige, die weniger gut ausfielen und ihm Veranlassung gaben, auch darüber nachzudenken.

Moritz Graf Strachwitz - Gedichte

Der junge Dichter wäre gern zur Fortsetzung seines Studiums nach Heidelberg gegangen, in die Stadt der Romantiker, wie es vordem Eichendorff getan hatte. Sein Vater aber folgte dem Wunsche seines Vaters, und so ging er 1842 nach Berlin. Hier waren für den Dichter, mehr als in Breslau, die Strömungen der Zeit deutlicher spürbar. In dem Berliner literarischen Verein 'Tunnel über Spree' fanden sich namhafte und weniger bekannte Schriftsteller zusammen, aber auch Literaturfreunde schlechthin. Dort war Strachwitz, um mit Theodor Fontane zu sprechen, "nicht nur der Mittelpunkt des 'Tunnels', sondern aller Stolz und Liebling." Fontane äußerte sich weiter: "Er schickte Neues in einer gewissen Regelmäßigkeit ein, und die Vorlesung nahm mehr als eine Sitzung in Anspruch." So geschah es nach seinem Weggang von Berlin nach Grottkau, wo er sich für sein Examen vorbereitete.

Anläßlich einer Hochzeit im Verwandtenkreis lernt der Dichter im Januar 1847 in Schloß Kamienietz die aus dem Tost-Gleichwitzer Kreis stammende Familie des Karl Ernst Graf Strachwitz kennen und bewunderte die Schönheit seiner Tante Mathilde und deren Töchter Aglaja und Sidonie. Aber allein Sidonie wegen ist er danach öfter dort anzutreffen, weil beide eine tiefe Zuneigung miteinander verband. Vor seiner bereits geplanten Reise in den Süden Europas, von der er nicht mehr lebend zurückkehren sollte, nahm er auch Abschied von ihr; wobei den Liebenden kaum bewußt war, das es für immer sein sollte. Wie von einer Vorahnung veranlaßt, hatte der Dichter noch seine Neuen Gedichte nach eingehender Sichtung dem Verleger übergeben.

Trotz eines ersten Fieberanfalls bei seinem Aufenthalt in Wien und dem Überstehen der Krise nahm die Reise über Graz, Adelsberg, Triest und Venedig ihren Fortgang. Bis auf einen Ausflug nach Mailand mußte seines Befindens wegen der Plan, nach Rom und weiterhin auch noch nach Spanien zu reisen, aufgegeben werden. In Venedig aber wird ihm gewiß noch  etwas von dem Zauber dieser Stadt bewußt geworden sein, bis schließlich für den an Typhus erkrankten Dichter die sofortige Heimreise notwendig wurde. Aber der damals Fünfundzwanzigjährige sollte nur noch bis Wien kommen, wo ihn das Fieber auf das Krankenbett war. Am 29. November des Jahres 1847 suchte ihn die Baronesse Victoire Strachwitz dort auf, mit der er wohl seine letzten Gespräche führte. Nach dreizehn Tagen fand sein Leben ein so frühzeitiges Ende. Der Dichter wurde auf dem Währinger Friedhof in Wien, unweit von Schubert und Beethoven bestattet, wo er bis zum Juli 1885 ruhte, bis sein Metallsarg in die Familiengruft nach Peterwitz überführt wurde.

Detlev von Liliencron äußerte sich in seinem 'Mäzen' im Jahre 1900 wie folgt: "Die herrlichste, unvergleichlichste Ballade, die je gedichtet, schrieb Graf Strachwitz: Das Herz von Douglas." Ein anderer, Börries Freiherr von Münchhausen, sprach sich so aus: "Ganz unvergleichlich ist dieses Werk, und immer wieder staunen wir, wie menschliche Kraft so etwas hat vollenden können - wahrhaft ein Juwel deutscher Wortkunst, dem sich nichts Früheres an die Seite legen läßt, ohne zu verblassen. Wir werden selbst die meisten von Fontanes kühlen Schottenballaden, wie selbst die wortreichen englischen Volksballaden neben diesem Werke, das aus ihnen hervorwuchs, stumm!" Wie schreibt doch Hanns Gottschalk in der Einleitung des von ihm herausgegebenen 'Das schlesische Balladenbuch', welches in der Silesia-Reihe der Stiftung Kulturwerk Schlesien erschienen ist: "Nur gering waren bei den großen Nachfolgern die Abstufungen der von Strachwitz so eigentümlich ausgebildeten Balladenweise: Der ältere Fontane verinnerlichte sie, Liliencron lockerte sie impressionistisch auf, Münchhausen steigerte sie zum virtuosen Klang und Agnes Miegel vollends gab ihr die naturhaft strömende Melodie mit." Börries Freiherr von Münchhausen schrieb 1937 an Hanns Gottschalk nach Breslau: "Ohne den Frühvollendeten wäre die Ballade nicht alt geworden". Damit sei das, was eingangs schon einmal in den Äußerungen von Agnes Miegel zum Ausdruck kam, nochmals hervorgehoben: Moritz Graf Strachwitz, der Dichter aus Schlesien, hat vor allem mit seinem Balladenwerk Maßstäbe gesetzt, das deswegen nicht nur im Land seiner Sprache auch weiterhin Beachtung verdienen sollte.

Konrad Werner

 

Ausgabe:

Moritz Graf Strachwitz. Sämtliche Lieder und Balladen. Mit einem Lebensbilde des Dichters und Anmerkungen hgg. von Hans Martin Elster. Berlin 1912

 

Literatur:

Hanns Gottschalk: Strachwitz und die Entwicklung der heldischen Ballade. Würzburg 1940.

Maja Maria Gräfin Strachwitz: Moritz Graf Strachwitz, Dichter zwischen Tradition und Revolution. St. Michael 1982

A. K. T. Tielo: Die Dichtung des Grafen Moritz von Strachwitz. Ein Beitrag zur deutschen Literaturgeschichte. Berlin 1902

 

 

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