Karl von Holtei

Portrait
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Aus: G. Potempa: Karl von Holtei,; Oldenburg 1998, S. 29

 

Karl Eduard von Holtei wurde am 24. Januar 1798 als Sohn des Hussarenoffiziers Karl von Holtei und dessen Frau Wilhelmine, geb. von Kessel in Breslau geboren. In Breslau wuchs er auf, besuchte das von dem berühmten Philologen Manso geleitete Maria- Magdalenen-Gymnasium und sammelte im dortigen Stadttheater seine ersten Bühneneindrücke.

Holtei ist einer jener Literaten, deren umfangreiches Werk heute fast völlig der Vergessenheit anheimgefallen ist. Zu seinen Lebzeiten wußte er sich jedoch in manchem künstlerischen Bereich zu profilieren: außer als Schauspieler, Theaterdirektor und Romancier ist er auch als Rezitator, Dramatiker und Lyriker hervorgetreten, kannte sich, wie kaum ein anderer, im literarischen Leben des 19. Jahrhunderts aus und kam nicht nur mir Lokalgrößen, sondern auch mit Koryphäen in Berührung.

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Als Stückeschreiber war er an kleineren und größeren Bühnen u.a. in Berlin, Breslau und Wien tätig. Sentimentale Volksstücke, wie das von Nestroy parodierte Lorbeerbaum und Bettelstab (Urauff. 1833) machten ihn im ganzen deutschen Sprachgebiet zu einem vielgespielten Bühnenschriftsteller.

Waren es anfangs kürzere oder längere Vortragsreisen, wobei er namentlich als Vorleser Shakespearscher Dramen auftrat, das Schreiben von Theaterstücken, eine Tätigkeit als Schauspieler und die Herausgabe zahlreicher Periodika und Sammlungen, die ihn beanspruchten, ab 1850 widmete er sich vor allem der Epik und schrieb längere Erzählungen und Romane, die als kulturhistorische Zeitbilder von Interesse sind. In einem leichten Plauderton werden zum Teil autobiographisch gefärbte Erlebnisberichte angeboten, in denen das Leben wandernder Schauspieler und sonstiger vagabundierender Tausendkünstler auf recht unterhaltsame Weise präsentiert wird. Zeitgeschichtliches wird in diesen verschollenen Werken laut. Eine zeitüberdauernde Leistung ist seine Autobiographie Vierzig Jahre [1843-50], die weit mehr ist als ein lesenswertes Zeitdokument: Sie ist als Kulturbild reich an Schilderungen hervorragender Persönlichkeiten und besticht auch heute noch durch ihre frische und lebendige Darstellung.

Wesentliche Anregungen für seine Entwicklung als Theaterdichter erhielt er im Winter 1826/27, als er als Begleiter des Grafen Herberstein in Paris war und dort im Theater die Werke Scribes kennenlernte.

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Scribe, ein von den Kritikern oft geschmähter, von dem Theater- publikum jedoch geschätzter Stückeschreiber wird von Holtei gewürdigt, wobei man sich des Gedankens kaum erwehren kann, daß Holtei sich mit Scribe identifiziert. Wie Scribe kannte auch Holtei sich auf  fast allen Gebieten der dramatischen Gestaltung aus, stand der Theaterpraxis sehr nahe und vermochte nicht selten die Schaulust des Publikums auf unterhaltsame Weise zu befriedigen.

Durch Scribe wurde Holtei dazu angeregt, sich mit Vaudeville und Liederspiel theoretisch (Flüchtige Bemerkungen  über Vaudeville und Liederspiel [1827] )und praktisch (Der alte Feldherr [Urauff. 1825] ) auseinanderzusetzen. Neben seiner Tätigkeit als Bühnendichter und Theaterdirektor machte Holtei  als Vorleser Furore und trug  neben Werken von Goethe, Shakespeare und Tieck auch eigene dramatische Arbeiten vor, von denen einige (z.B. Die beschuhte Katze. Ein Märchen in drei Akten mit Zwischenspielen [1843])  speziell zur Deklamation konzipiert worden waren. In den letzten Jahrzehnten seines  Lebens hat Holtei sich hauptsächlich der Epik gewidmet.  Der Leser, der sich einen Holteischen Roman vornimmt, muß über Ausdauer und Zeit verfügen: Die Vagabunden [1852] (3 Bde., 927 S.),  Christian Lammfell [1853] ( 2 Bde. 566 S.), Ein Schneider [1854] ( 3 Bde. 980 S.), Die Eselsfresser [1860] (3 Bde. 962 S.) und  Der letzte Komödiant [1863] ( 3 Bde. 1036 S.); auch in seinen Erzählungen zeigt er bisweilen eine fast uferlose Fabulierfreude: die Kriminalgeschichte Ein Mord in Riga [1855] hat 247 Seiten.

Buchumschlag

 

Bleibt am Ende die Frage, ob eine Beschäftigung mit der Holteischen Epik noch sinnvoll ist: vieles ist klischeehaft, manche Standpunkte und Ideen werden zu uferlosen Tiraden ausge- sponnen und können die Aufmerksamkeit heutiger Leser schwerlich fesseln. Wer sich aber mit dem konservativen Roman, dem Adelsroman oder dem Landschaftsroman des 19. Jahrhunderts auseinandersetzt, kann Holteis Epik schwerlich übergehen. Fragt man nach dem Surplus seiner Romane verglichen mit denen seiner Zeitgenossen, dann kann auf seine lange andauernde Bedeutung für die schlesische Unterhaltungsliteratur hingewiesen werden. Viellleicht hat er sich die Sache doch zu leicht gemacht (Goethe bezeichnete ihn als ,so eine Art von Improvisator auf dem Papiere·) und hätte viel mehr erreichen und sich einen festen Platz in der deutschen Literatur sichern können, wenn er das Niveau seiner Vagabunden festgehalten hätte. In diesem Roman ist Holtei ein unnachahmlicher Poet des Thespiskarrens, der die bunte Welt der Artistenbuden unterhaltsam darstellt. Als kulturhistorisches Zeitbild verdient er es, auch heute noch gelesen zu werden.

Der Beitrag Holteis zur deutschen Kulturgeschichte im allgemeinen und zur schlesischen im besonderen ist beachtlich: als Liederspieldichter u.a. am Berliner Königstädtischen Theater, als Theaterdirektor einiger großen und kleinen deutschsprachigen Bühnen (Riga!), als Mund- artlyriker (seine Schlesischen Gedichte brachten es 1910 zur 23. Auflage!), als Vorleser, als Schauspieler, als Verfasser mehrbändiger Romane und nicht zuletzt als Chronist in seiner Autobiographie ist er hervorgetreten. Er hat ein Oeuvre hinterlassen, das als Fundgrube für alle dienen kann, die sich mit der Literatur des 19. Jahrhunderts befassen wollen. Es ist somit in vielen Hinsichten lohnenswert, zumal bei der Studierung der schlesischen Literatur, Holtei nicht auszuklammern.

Henk J. Koning

Ausgaben:

J. Hein / Henk J. Koning (Hg.).  Karl von Holtei. Ausgewählte Werke. Bd. I. Würzburg 1992.


Literatur:

Henk J. Koning. Karl von Holtei und E.T.A. Hoffmann. in: Mitteilungen der E.T.A. Hoff- mann- Gesellschaft. Bamberg 1991. Heft 37, S. 60-71.

Ders.: Holteis Epik · Überlegungen zur Spätphase seines künstlerischen Schaffens. in: JSFUB. Bd. 42/43. 2001/2002 (im Druck). 

 

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