Gerhart Hauptmann

Porträt
Porträt Gerhart Hauptmann
Aus: W. Irgang, W. Bein, H. Neubach: Schlesien. Geschichte, Kultur und Wirtschaft, Köln 1995, S.203

 

Gerhart Hauptmann wurde am 15. November 1862 in Ober-Salzbrunn / Schlesien im Hotel "Zur Krone", das seinem Vater gehörte, geboren. Durch seine Herkunft war er ein echter Schlesier; seine Vorfahren waren, wie man nachweisen konnte, seit Jahrhunderten in Niederschlesien seßhaft.

1868 trat Gerhart Hauptmann in die Dorfschule ein. Von 1874 bis 1878 besuchte er die Städtische Realschule I. Ordnung am Zwinger in Breslau (bis zur Quarta). 1878/79 war er Landwirtschaftseleve bei Onkel Schubert in Lohnig, dann in Lederose bei Striegau. Im Oktober 1880 trat er in die Bildhauerklasse der Kgl. Kunst- und Gewerbeschule in Breslau ein. Von November 1882 bis März 1883 war er Student in Jena. Von März 1883 bis März 1884 unternahm er eine Mittelmeerreise; in Rom lebte er eine Zeitlang als Bildhauer. Im Sommer 1884 verbrachte er sechs Wochen in der Zeichenklasse der Kgl. Akademie der Künste in Dresden.

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Ab November 1884 folgten zwei Semester historische Studien in Berlin. Am 5. Mai 1885 heiratete Gerhart Hauptmann Marie Thienemann, Großkauf-mannstochter aus Kötzschenbroda (heute zu Radebeul gehörig). Von September 1885 bis April 1888 lebte das junge Ehepaar in Erkner bei Berlin.

In Erkner wurden die Söhne Ivo (1886), Eckart (1887) und Klaus (1889) geboren. Gerhart Hauptmann fand nun Anschluß an den literarischen Verein "Durch", trat  mit Max Kretzer, Wilhelm Bölsche, Bruno Wille sowie mit den Brüdern Heinrich und Julius Hart in Verbindung, begegnete u.a. Richard Dehmel und Otto Erich Hartleben und erlebte seine ersten Erfolge als Verfasser von Novellen (1887 "Fasching", 1888 "Bahnwärter Thiel").

Nach einer Zeit in Zürich bei Carl, dem älteren Bruder, und seiner Frau Martha, der Schwester von Marie (April 1888 bis Herbst 1888), kehrte er nach Erkner zurück. Bei einem Zwischenaufenthalt in Berlin Anfang 1889 lernte Hauptmann Arno Holz und Johannes Schlaf kennen. Im März 1889 kehr-te Hauptmann mit den Seinen nach Erkner zurück. Der Dichter bekannte: "Hier hatte mit dem Frühling das halbe Jahr meines literarischen Durchbruchs begonnen" (CA VII, 1082). Der Umgang mit anderen Literaten wurde wieder aufgenommen. Aktiv war er an der Gründung der "Freien Bühne" in Berlin beteiligt. Im September 1889 zog die Familie Hauptmann nach Charlottenburg um; hier machte Gerhart Hauptmann u.a. Bekanntschaft mit Max Halbe. Mit dem Sozialen Drama "Vor Sonnenaufgang" begannen Gerhart Hauptmanns große Erfolge als Bühnenautor.

Es war im Sommer 1887, als sich der junge Dichter während einer Wanderung durch das Riesenge-birge dessen voll bewußt wurde, daß Schlesien, das er im November 1882 verlassen hatte, für sein Leben und Schaffen sehr viel bedeutete. 1891 erwarb Gerhart Hauptmann für sich und die Seinen ein Haus in Mittelschreiberhau / Riesengebirge; auch Carl und Martha zogen ein. Der Beginn der Ehekrise zwischen Gerhart und Marie beendete diese Zeit. Anfang 1894 fuhr Gerhart Hauptmann nach Paris, um bei der französischen Erstaufführung von "L´Assomption de Hannele Mattern" anwesend zu sein. Hier erhielt er einen Abschiedsbrief seiner Frau, und er erfuhr, daß Marie Hauptmann mit den drei Söhnen am 18. Januar 1894 in die USA aufgebrochen war. Gerhart Hauptmann folgte eilends.

Am Strand von Vitte
Am Strand von Vitte, 1899
Aus: D. Albrecht: Verlorene Zeit - Gerhart Hauptmann, Lüneburg 1997, S.2

Die Ehe war aber letztlich nicht zu retten. Nach der Rückkehr aus den USA folgten für den jungen Dichter wechselnde Aufenthalte in Berlin, Schreiberhau und Dresden sowie Reisen nach Italien und Hiddensee (hier erwarb Gerhart Hauptmann später, im Jahr 1930, in Kloster das Haus "Seedorn"). Seit dem 11. August 1901 hatte der Dichter seinen Hauptwohnsitz in seinem neu-en Haus "Wiesenstein" in Agnetendorf / Riesengebirge. Seine Ehe wurde am 22. Juni 1904 ge-schieden. Am 18. September 1904 folgte die Eheschließung mit Margarete Marschalk (die Gerhart Hauptmann schon im August 1889 kennengelernt hatte). Von März bis Mai 1907 unternahmen die beiden zusammen mit ihrem Sohn Benvenuto (geboren am 1. Juni 1900 in Hain im Riesengebirge) und dessen Erzieherin sowie dem Freund Ludwig von Hofmann und dessen Frau eine Griechen-landreise.

Zahlreich waren die Ehrungen, die dem berühmten Dichter in den nächsten Jahren galten. 1905 wurde er Dr. h.c. der Universität Oxford, und 1909 folgte Leipzig diesem Beispiel. Die größte Aus-zeichnung war der Nobelpreis für Literatur im Jahre 1912.

Gerhart Hauptmanns immer wieder getrübtes Verhältnis zum Kaiserreich machte ein Eklat besonders deutlich. Am 17. Juni 1913 wurden die Aufführungen des "Festspiels in deutschen Reimen" (Uraufführung am 31. Mai 1913 in der Jahrhunderthalle zu Breslau) vorzeitig abgebrochen, weil sich der Kronprinz gegen dieses Marionetten-Schauspiel, dessen Intentionen angeblich in der Öffentlichkeit Schaden stifteten, ausgesprochen hatte.

 Es zeigte sich erneut, daß der Mann, der schon 1893 mit seinem Schauspiel "Die Weber" die herrschenden Kreise gereizt hatte, in Opposition zum Staat stand. Die Verleihung des Roten Adler-Ordens IV. Klasse mit der Krone durch Wilhelm II. Ende 1914 war der zweifelhafte "Dank" für einige Kriegsgedichte Gerhart Hauptmanns, kein Zei-chen der Anerkennung für das gesamte Schaffen des Dichters.

Zu dem Staat, der als "Weimarer Republik" in die Geschichte einging, fand Gerhart Hauptmann dagegen ein positives Verhältnis. Von allen Politikern der Weimarer Republik stand Hauptmann Walther Rathenau zweifellos am nächsten, doch fand er auch ein gutes Verhältnis zu Friedrich Ebert, dem Reichspräsidenten. Dieser war gerne bereit, am 12. August 1922 zur Eröffnung der Ger-hart-Hauptmann-Festspiele im Remter des Breslauer Rathauses eine Rede zu halten und am Abend an einer Festaufführung von "Florian Geyer" in der Jahrhunderthalle teilzunehmen. Am 15. No-vember 1922 wurde in Berlin der 60. Geburtstag Gerhart Hauptmanns gefeiert. Als erster wurde der Dichter mit dem Adlerschild des Deutschen Reiches ausgezeichnet. Gerhart Hauptmann war zum geistigen Repräsentanten der Republik geworden. Er war der "Präsident des Herzens" (Heinrich Mann) und der "Volkskönig" (Thomas Mann). Diese Wertschätzung des Dichters und Nobelpreis-trägers Gerhart Hauptmann erstreckte sich bis hin zum 70. Geburtstag.

Auch im Ausland galt er als der bedeutendste Vertreter Deutschlands. Einem Triumphzug glich die USA-Reise im Jahre 1932 (19. Februar bis 23. März)  anläßlich der 100. Wiederkehr von Goethes Todestag; Hauptmann hielt mehrfach seine Goethe-Rede zu Ehren des Dichterfürsten. Am 28. August 1932 wurde ihm in Frankfurt am Main der Goethe-Preis verliehen. Am 15. November 1932 erhielt er in Berlin die Gol-dene Preußische Staatsmedaille; beim Souper im Hotel Adlon war das geistige Deutschland noch einmal versammelt.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten Ende Januar 1933 blieb Gerhart Haupt-mann in Deutschland. Seine Haltung in den folgenden Jahren ist nicht unumstritten, weil er sich in manchem den Machthabern fügte. Eines kann man sagen: Er wurde nie zu einem "Aushängeschild" des Dritten Reiches;  er zog sich so weit wie möglich zurück. Die Reichsführung sah die Feiern aus Anlaß des 80. Geburtstages des Dichters nicht gerne; auf Anordnung des Propagandaministeriums wurde gleichzeitig das Schaffen des ebenso alten Adolf Bartels in festlichem Rahmen gefeiert.

Ein Aufenthalt im Sanatorium Weidner in Ober-Loschwitz stand unter keinem glücklichen Stern. Am 13. und 14. Februar 1945 erlebte er die furchtbare Bombardierung Dresdens durch britische und US-amerikanische Flugzeuge. Im heimatlichen Agnetendorf erwartete ihn die Besetzung durch die Rote Armee (9. Mai 1945) und der Beginn der polnischen Verwaltung Schlesiens (Juni 1945). Im Mai 1946 bekam er eine Lungenentzündung mit hohem Fieber. Seine letzten Worte waren: "Bin ich noch in meinem Hause?". Er verlor das Bewußtsein. Am 6. Juni 1946 starb der Dichter in seinem Haus "Wiesenstein". Erst nach einigen Wochen wurde ein Sonderzug in die Sowjetisch Besetzte Zone Deutschlands genehmigt. Am 28. Juli 1946 wurde Gerhart Hauptmann bei Sonnenaufgang auf dem Inselfriedhof in Kloster auf Hiddensee beigesetzt. Margarete Hauptmann streute Erde aus dem Park des Hauses "Wiesenstein" auf den Sarg.

Buchumschlag
Buchumschlag
Aus: G. Hauptmann: Hannele. Traumdichtung in zwei Teilen, Berlin 1894

Gerhart Hauptmanns erstes Drama war "Germanen und Römer" (Entstehungszeit: 1881-1882; Erstdruck: 1963, Bd. VIII der Centenar-Ausgabe). Sein Ruhm als Bühnenautor begründete Gerhart Hauptmann mit seinem naturalistischen Erstlingsdrama "Vor Sonnenaufgang" (1889), das einen Theaterskandal auslöste. Dieses Soziale Drama stellte soziales Elend und menschliche Verkom-menheit auf die Bühne, und es griff mit großer Deutlichkeit Zeitprobleme auf. Der Streit um Gerhart Hauptmann entbrannte aufs neue, als 1890 das Drama "Das Friedensfest" uraufgeführt wurde. Diese Familienkatastrophe zeigte eine Familie in ihrem Haß und Verfall; der Titel war ironisch gemeint. Konsequent ging der Schlesier seinen Weg als Dramatiker weiter. Das Drama "Einsame Menschen" (1891) griff Probleme der Zeit auf, ohne Anstoß zu erregen. Die Grundsituation - das Motiv des Mannes zwischen zwei Frauen - stammte aus Gerhart Hauptmanns Familie; sein Bruder Carl dachte an Scheidung von seiner Frau Martha, als er in Zürich eine polnische Studentin kennengelernt hatte. Es folgte die Komödie "Kollege Crampton" (1892), Gerhart Hauptmanns erstes Künstlerdrama, angeregt durch die Breslauer Kunstschul-Zeit und Professor James Marshall.

Die wirklich entscheidende Anerkennung fand Gerhart Hauptmann aber erst mit dem Schauspiel „Die Weber“ (1893), in dem der Dichter den schlesischen Weber-Aufstand von 1844 als dramatischen Gegenstand aufgriff. Zu den Vorarbeiten gehörten zwei Reisen ins Weber-Gebiet im Jahre 1891; Hauptmann studierte die Örtlichkeit und sprach mit Augenzeugen. Den Dialekt der Menschen, die im Eulengebirge und in seinem Vorland lebten, kannte der Dichter, und so konnte er das Drama „De Waber“, aus dem dann eine dem Hochdeutschen angenäherte Fassung hervorging,  auch auf sprachlichem Gebiet naturalistisch gestalten. – Der Tragödie folge eine Komödie: „Der Biberpelz“ (1893). Anregungen vermittelten Eindrücke, die Hauptmann in seiner Erkner-Zeit empfangen hatte. Zusammen mit dem Schauspiel „Die Weber“ stellte „Der Biberpelz“ den Höhepunkt in Gerhart Hauptmanns naturalistischem Schaffen dar. – Ein Verlassen dieser Arbeitsweise ließ „Hannele“ (1893) erkennen, eine Traumdichtung, die später „Hanneles Himmelfahrt“ hieß; dieses Werk gehör-te der Neuromantik, einer Gegenströmung zum Naturalismus, an. - Gerade ein historisches Drama vermag zu zeigen, daß die naturalistische Gestaltung eines Stoffes nun nicht mehr seine einzige Arbeitsweise war. Für „Florian Geyer“ (1896), die Tragödie des Bauernkriegs, unternahm der Dichter zwei Studienreisen nach Franken; er vertiefte sich auch in einschlägige Literatur. Das end-gültige Drama trug zwar noch naturalistische Züge, doch zeigte das Werk keineswegs eine unver-änderte Wirklichkeit, denn der Dichter räumte sich weit stärker als in den „Webern“ dichterische Freiheiten ein. Die Uraufführung war ein Mißerfolg. Gerhart Hauptmann selbst schätzte dieses Drama sehr, und das Zeitalter der religiösen Auseinandersetzungen gehörte zu der geschichtlichen Epoche, in der er sich am besten auskannte und über die er viel schrieb.

Künstlerhaus Wiesenstein
Gerhart Hauptmanns Künstlerhaus "Wiesenstein" in Agnetendorf
Aus: M. Dworaczyk, E. Bach: Niederschlesien, Würzburg 1994, S.40

 

Die kommenden Dramen ließen deutlich erkennen, daß sich Gerhart Hauptmann immer stärker von der naturalistischen Schaffensweise entfernte. Das Drama „Elga“ (1896 entstanden, erst 1905 uraufgeführt) war eine Dramatisierung der Grillparzer-Novelle „Das Kloster bei Sendomir“ und zeigte Hauptmanns Inte-resse für die Psyche von Mann und Frau; gleichzeitig griff er auf das Traumhafte zurück, das an „Hanneles Himmelfahrt“ anknüpfte. Ein deutsches Märchendrama war das folgende Werk: „Die versunkene Glocke“ (1896). Erst das Schauspiel „Fuhrmann Henschel“ (1898) setzte die Werke der naturalistischen Schaffensphase fort. – Eine Zwitterstellung nahm die Tragikomödie „Der rote Hahn“ (1901) ein. Einerseits gehört diese Fortsetzung der Komödie „Der Biberpelz“ zu den sozialen Dramen der naturalistischen Schaffensperiode.  Andererseits sollte man nicht übersehen, daß zur selben Zeit „Der arme Heinrich“ (1897, 1899-1902 geschrieben, 1902 uraufgeführt), „Michael Kramer“ (1900 geschrieben und uraufgeführt), „Schluck und Jau“ (1899 geschrieben, 1900 uraufgeführt) und „Veland“ (seit 1898 in Arbeit, erst 1923 beendet und 1925 uraufgeführt) entstanden. „Der rote Hahn“ zeigt Züge, welche die naturalistische Dramentechnik Gerhart Hauptmanns weit hinter sich ließen.

Erst mit dem Schauspiel „Rose Bernd“ knüpfte Gerhart Hauptmann voll an seine naturalistische Schaffensphase an. Nach diesem Werk wurde deutlich, wie sehr sich die Ar-beitsweise des Dichters inzwischen geändert hatte. „Und Pippa tanzt!“ (1906) nannte Hauptmann im Untertitel Ein Glashüttenmärchen. Gar nicht naturalistisch waren auch das Lustspiel „Die Jungfern vom Bischofsberg“ (1904 – 1906 entstanden), „Gabriel Schillings Flucht“ (1905-1906 entstan-den), „Kaiser Karls Geisel“ (Ein Legendenspiel, 1906 und 1907 geschrieben), das Lustspiel „Griselda“ (1908 entstanden) und die Tragikomödie „Peter Brauer“ (1908, 1910 in Arbeit). Das letzte Drama der naturalistischen Schaffensphase Gerhart Hauptmanns wurde die Berliner Tragikomödie „Die Ratten“ (1911). Nach dieser Tragikomödie schrieb Gerhart Hauptmann kein Werk mehr, das man „naturalistisch“ nennen könnte. Allenfalls könnte man davon sprechen, daß die 1910 endgültig abgeschlossene Schaffensphase („Die Ratten“ entstanden 1909-1910) einen realistischen Ausklang hatte. Zu ihm gehören vor allem das Schauspiel „Dorothea Angermann“ (1926) und das Drama „Vor Sonnenuntergang“ (1932). Realistische Werke aus dem Nachlaß des Dichters sind das Drama „Christiane Lawrenz“ (1905-1907 entstanden, erst 1963 gedruckt und 1990 uraufgeführt) und das Drama „Herbert Engelmann“ (1924, 1928 und 1941 entstanden; in der Fassung von Carl Zuckmayer 1952 gedruckt und uraufgeführt, in der Originalfassung 1962 uraufgeführt und 1963 gedruckt).

Die erste Annäherung an die griechische Antike war das Drama „Der Bogen des Odysseus“ (1914). In der Zeit des Ersten Weltkriegs gab es nur eine Hauptmann-Uraufführung: „Winterballade“ (1917, nach einer Novelle Selma Lagerlöfs). Es folgten zwei Weltanschauungsdramen: „Der weiße Heiland“ (1920) und „Indipohdi“ („Das Opfer“, 1922). In die nordische Sagenwelt führte „Veland“ (1925). „Die schwarze Maske“ und „Hexenritt“, zwei Spiele, die unter dem Titel „Spuk“ (1929) zusammengefaßt wurden, waren der Beleg für die ungebrochene poetische Potenz des Dichters. Weder diese noch die schon erwähnten Dramen, die in der Zeit der Weimarer Republik uraufgeführt wurden, kamen in ihrer Wirkung an frühere große Dramen heran. Viele sprachen von einer künstlerischen Krise. Erst „Vor Sonnenuntergang“ (1932) brachte den ersehnten Erfolg.
Die dramatischen Werke des achten Lebensjahrzehnts zeigen eine erstaunliche Vielfalt: „Die goldene Harfe“ (1933), „Hamlet in Wittenberg“ (1935), „Ulrich von Lichtenstein“ (1939) und „Die Tochter der Kathedrale“ (1939). Am Ende stand eine kraftvolle Beschäftigung mit der griechischen  Antike in der Atriden-Tetralogie: „Iphigenie in Delphi“ (1941), „Iphigenie in Aulis“ (1944) sowie „Agamemnons Tod“ und „Elektra“ (beide erst 1947 uraufgeführt).

Gerhart Hauptmann war nicht nur ein schöpferischer und produktiver Dramatiker, sondern auch ein Erzähler großen Stils. Die kleinen Novellen der Frühzeit waren „Fasching“ (1887), „Bahnwärter Thiel“ (1888) und „Der Apostel“ (1890), eine Vorstufe zum späteren „Quint“- Roman. 1908 erschien Gerhart Hauptmanns „Griechischer Frühling“, ein Bericht über die Griechenlandreise im Jahre 1907. Der erste Roman des Dichters kam 1910 heraus; es war „Der Narr in Christo Emanuel Quint“, ein schwieriges Werk aus der Welt des Wunder- und Aberglaubens, des Gottsuchertums in schlesischer Tradition, des religiösen Wahnsinns, des psychopathischen Befindens eines Christus-Epigonen und das Verhalten seiner Umwelt. Das Jahr 1912 brachte den Unterhaltungsroman „Atlantis“, eine Frucht der ersten USA-Reise des Dichters. Auch der Roman „Phantom“ (1922)  gehörte eher zur Unterhaltungsliteratur. Noch unbedeutender war später der Roman „Wanda“ (1928). Zu den großen erzählerischen Werken Gerhart Hauptmanns gehörte die Novelle „Der Ketzer von Soa-na“ (1918).

Ein bedeutendes Werk war auch der Roman „Die Insel der Großen Mutter oder Das Wunder von Ile des Dames“ (1924). Gerhart Hauptmanns Kunst der Darstellung zeigte auch das autobiographische „Buch der Leidenschaft“ (1930), in dem zehn kritische Ehejahre behandelt wur-den. Es folgten die kleineren Erzählungen „Die Spitzhacke. Ein phantastisches Erlebnis“ (1931) und die Novelle „Die Hochzeit auf Buchenhorst“ (1932). 1934 kam die Erzählung „Das Meerwun-der“ heraus, Eine unwahrscheinliche Geschichte; sie zeugte vom der Erfindungsgabe und von der Gestaltungskraft des über siebzigjährigen Dichters. Nach einigen Jahren erschien der letzte große Roman: „Im Wirbel der Berufung“ (1936). Er war auf der Insel Rügen angesiedelt und befaßte sich vornehmlich  mit der Hamlet-Auffassung und „Hamlet“ - Inszenierung Gerhart Hauptmanns. 

Die autobiographischen Schriften beschloß „Das Abenteuer meiner Jugend“ (1937). Die letzten Erzählwerke waren die Novelle „Der Schuß im Park“ (1941), die Erzählung „Das Märchen“ (1941) und die Novelle „Mignon“ (1944 beendet, erst 1947 postum veröffentlicht). – Erst im Band X (1970) der Centenar-Ausgabe wurde das Roman-Fragment „Winckelmann“ vollständig veröffentlicht (schon 1954 die Bearbeitung durch Frank Thieß). Sehr bedeutend war auch das Roman-Fragment „Der neue Christophorus“ (seit 1917/18 arbeitete Hauptmann an diesem Roman, der „Merlin“ heißen sollte). Es gab Teilveröffentlichungen, wie z.B. die Edition des 1. und 2. Konvoluts im Jahre 1943. Das gesamte Fragment erschien 1970 im Band X der Centenar-Ausgabe.

Die lyrischen Werke Gerhart Hauptmanns stehen im Schatten seiner Erfolge insbesondere als Dramatiker, aber auch als Erzähler. Die Gedichte erschienen vor allem in den Sammlungen „Das bunte Buch“ (1888), „Ährenlese“ (1939) und „Neue Gedichte“ (1946, postum). Eine „Nachlese zur Lyrik“ bot der Band XI (1974) der Centenar-Ausgabe. Gerhart Hauptmanns Versepen waren „Promethidenlos“ (1885), „Anna“ (1921), „Die blaue Blume“ (1924), „Des großen Kampffliegers, Landfahrers, Gauklers und Magiers Till Eulenspiegel Abenteuer, Streiche, Gaukeleien, Gesichte und Träume“ (1928), „Mary“ (1939; vollständige Veröffentlichung in „Ährenlese“) und „Der große Traum“ (Fassung von 1942 in der „Ausgabe letzter Hand“, Band 16; Buchausgabe: 1943); Ergänzendes aus dem Nachlaß: Band IV (1964) der Centenar-Ausgabe). Das bedeutendste Versepos war zweifelsohne der „Till Eulenspiegel“.

Man würde Gerhart Hauptmann nicht gerecht, wenn man nicht erwähnte, daß er auch sehr viel theoretische Prosa verfaßte. Die wichtigsten Sammlungen sind „Um Volk und Geist“  (Reden, Ansprachen und Aufrufe, 1932), „Marginalien“ („Ausgabe letzter Hand“, 1942), der Essay „Tintoretto“ (1938) und die Aufzeichnungen „Einsichten und Ausblicke“ („Ausgabe letzter Hand“, 1942).

Gerhart Hauptmanns Gesamtwerk zeigt eine erstaunliche Fülle und Vielfalt. Er bot nicht nur eine große Zahl abgeschlossener Werke, sondern hinterließ zahlreiche Pläne und Skizzen, Entwürfe und Szenen, wie der Nachlaß deutlich zeigt. Erlebnisse und Ereignisse boten Anregungen; eine wesentlichere Rolle spielte eine immense Lektüre. Ein Kennzeichen der Arbeitsweise Gerhart Hauptmanns war, daß Geplantes bzw. Begonnenes oft sehr lange reifte, bis es abgeschlossen wurde; manche Stoffe beschäftigten ihn jahrzehntelang, etliche blieben fragmentarisch.

Besonders auffällig ist, wenn man des Dichters Werk betrachtet, die enge Verbundenheit mit Schlesien, seiner Heimat. Es wäre aber völlig falsch, ihn nur aus dieser Sicht zu betrachten. Er wuchs und schuf, darin Goethe ähnlich, aus eigenem Gesetz. Widersprüche finden sich dabei in seinem erstaunlichen Werk allenthalben: Verwurzelung in der Heimat und Weltoffenheit, Deutscher und „versprengter Grieche“ („Griechischer Frühling“, 1907), soziales Gefühl und aristokratisches Verhalten, Religiosität und Ablehnung kirchlicher Normen, Sinnenfreude und Askese, Naivität und Grübeln, Träumen und reales Erfassen, Verweilen im Ahistorischen und Interesse für die Geschichte sowie lebendige Teilnahme am Zeitgeschehen. Der Dichter wußte um diese Spannungen, und an selbstklärenden Versuchen hat es nicht gefehlt.

Sehr aufschlußreich für Gerhart Hauptmanns Leben und Werk sind der „Notiz-Kalender 1889-1891“ und bislang sechs Bände Tagebuchaufzeichnungen.

Klaus Hildebrandt

 

Ausgaben:

Gerhart Hauptmanns Werke erschienen in zahlreichen Einzeleditionen und einigen Sammelaus-gaben. Das gesamte literarische Schaffen bietet die Centenar-Ausgabe, die auch die Texte aus dem Nachlaß des Dichters enthält:

Sämtliche Werke. Centenar-Ausgabe zum hundertsten Geburtstag des Dichters am 15. November 1962. Bd. 1 - 9 hrsg. von Hans-Egon Hass. Bd. 10 fortgeführt von Martin Machatzke und Wolf-gang Bungies. Bd. 11 fortgeführt von Martin Machatzke. Frankfurt/Main, Berlin: Propyläen-Verlag, 1962 - 1974.

 

Literatur:

Die Sekundärliteratur ist sehr umfangreich. Da eine Auswahl notgedrungen sehr subjektiv wäre, seien nur grundlegende Nachschlagewerke genannt:

Sigfrid Hoefert: Internationale Bibliographie zum Werk Gerhart Hauptmanns. Band 1: 1986. Band 2: 1989. Band 3: 2003. Berlin: Erich Schmidt Verlag. (Veröffentlichungen der Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft e.V., Bd. 3, Bd. 4 und Bd. 12).

C.F.W. Behl / Felix A. Voigt: Chronik von Gerhart Hauptmanns Leben und Schaffen. Bearbeitet von Mechthild Pfeiffer-Voigt. Würzburg: Bergstadtverlag Wilhelm Gottlieb Korn,1993. [Die Vor-stufen dieses Buches waren

"Gerhart Hauptmanns Leben, Chronik und Bild" (1942) und die "Chronik von Gerhart Hauptmanns Leben und Schaffen" (1957) von C.F.W. Behl und Felix A. Voigt.

Mechthild Pfeiffer-Voigt: Nachtrag zur Chronik von Gerhart Hauptmanns Leben und Schaffen von C.F.W. Behl / Felix A. Voigt. Bearbeitet von Mechthild Pfeiffer-Voigt. Würzburg: Bergstadtverlag Wilhelm Gottlieb Korn, 2002.

 

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