Horst Bienek

Sein Horst BienekLeidensweg führte ihn nach der Verhaftung durch den SSD in Berlin am 8. Nov. 1951 in die Hände des sowjetischen KGB und nach sieben Monaten U-Haft, von einem sowjetischen Militärgericht zu 25 Jahre Zwangsarbeit verurteilt, als Sträfling in das berüchtigte Lager Workuta, zwischen Nord-Ural und Eismeer, zur Arbeit unter Tage im Bergwerkschacht 29. Nach der vorzeitigen Freilassung im Oktober 1955 arbeitete er in der BRD als Lektor, Redakteur, Herausgeber, schließlich als Freier Schriftsteller.

H.B. wurde zunächst als Lyriker und durch seinen Roman 'Die Zelle' von 1968 bekannt, in dem er das Erlebnis seiner Einkerkerung verabeitete. Weltweit bekannt machte ihn seine vielfach übersetzte Gleiwitzer Roman-Tetralogie, in der er den Untergang des deutschen Oberschlesiens 1939 - 1945 gestaltete:

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'Die erste Polka', 1975;
'Septemberlicht', 1977;
'Zeit ohne Glocken', 1979;
'Erde und Feuer', 1982. Danach folgte noch ein kurzer Text: 'Königswald oder Die letzte Geschichte', 1984, ein Nachspiel.
'Beschreibung einer Provinz', 1983, enthält 'Aufzeichnungen, Materialien, Dokumente' über die Entstehung des Werkes und den Hintergrund der Zeitgeschichte. Vorausgegangen war zuvor ein schmaler Gedichtband mit dem Titel
'Gleiwitzer Kindheit. Gedichte aus zwanzig Jahren'.
'Schlesischer Bilderbogen' 1986, rundete mit hundert Bildern aus den Dreißiger Jahren von Ebell-Schwager und einem Essay von H.B. den Bogen dieser bedeutenden Berichterstattung ab. 

Buchumschlag
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Aus: H. Bienek: Das allmähliche Ersticken von Schreien, München - Wien 1987
Buchumschlag
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Aus: H. Bienek: Von Zeit und Erinnerung, Gütersloh 1980

Wie Lenz, Grass, Bobrowski, so hat auch H.B. eine Kulturprovinz des deutschen Ostens, im Großen Krieg des XX. Jhdts. politisch verspielt, literarisch bewahrt. Sein Erzählstil ist an den Vorbildern von Dickens, Faulkner , Capote gereift; seine Darstellungsstrategie folgt Joyce, indem je ein Roman je einen Tag durchmustert: Bd. I und II den 1. und den 4. September 1939, also den ersten und den vierten Tag des Krieges, Bd. III den Karfreitag 1943, endlich Bd. IV die Tage des Einmarsches der Roten Armee und das sich anschließende chaotische Geschehen.

In seiner Analyse hat H.B. die Dichotomie des Daseins der Menschen in Oberschlesien hellsichtig beschworen: "Sprache, Erziehung, Kultur deutsch [preußisch]  -  die emotionalen       Schichten: Glaube, Angst, Sexualität:slawisch."['Beschreibung'S.55]. Anderenorts fragt er sich nach der Doppelnatur des Schlesiers: "Was ist damit gemeint? Die preußische Zucht und Strenge und Disziplin? Die slawische Lust am Feiern, an der Unordnung, an der Ausschweifung?" 

H.B. zählt zu den großen künstlerischen Gestaltern geschichtlichen Geschehens. Es wird von ihm detailreich vor Augen geführt, getreu seinem Motto zu Bd. III von Witold Gombrowicz: "Erzählen Sie mir nicht von den Helden und Opfern. Erzählen Sie mir von den einfachen Menschen und von dem gewaltigen Leben, wie es ist."

H.B. ist mit mehr als einem Dutzend Preisen zu seinen Lebzeiten geehrt worden, darunter der Kulturpreis Schlesien 1978 und der Nelly-Sachs-Preis 1984; nach ihm ist nun der H.B. Preis der Münchener Akademie benannt.

Bernhard Kytzler

Ausgaben:


 

Literatur:

Eugeniusz Klin, Tradition und Gegenwart. Studien zur Literatur Schlesiens, Würzburg ????

Arno Lubos, Die schlesische Dichtung im 20. Jahrhundert, Würzburg ????

Bienek lesen, München 1980 [mit Bibliographie von Linda Morita]

Tilman Urbach [ed.], Horst Bienek. Aufsätze, Materialien, Bibliographie [Bibl. von Sonja Hettich, S. 242 - 276 (Stand: Oktober 1989)]. München/Wien 1990
      
Bernhard Kytzler, Bieneks Bücher von Grenze, Zeit und Dunkelheit, in: Richard Faber & Barbara Neumann, Literatur der Grenze, Würzburg ????,

 

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