Zwischen Barock und Aufklärung 1618-1740

"Mit dem Tod Kaiser Ferdinands I. im Jahre 1564 hatten unmerkliche Verschiebungen eingesetzt, die sich auch auf Schlesien auswirken sollten. Eine davon war die Teilung der habsburgischen Erblande unter die drei Söhne des Kaisers, so dass eine selbständige Tiroler sowie eine steiermärkische Nebenlinie gebildet wurden. Dem ältesten Sohn Maximilian fielen Österreich, Böhmen, Ungarn und das Kaisertum zu. Die Abtrennung der südlichen Gebiete Österreichs verlagerte somit den Schwerpunkt seiner Herrschaft nach Norden.
Norbert Conrads, Schlesiens frühe Neuzeit (1469-1740), in Norbert Conrads (Hrg.), Schlesien, Deutsche Geschichte im Osten Europas, 2. verbesserte Auflage, Berlin 2002, S. 258

"Gegen Ende des 16. Jahrhunderts gab es fast überall in Schlesien Adlige reformierter Konfession (...). Im Gegensatz zu Böhmen, wo die Energien des Calvinismus in politische Dynamik umgesetzt wurden, stellten die schlesischen Reformierten aus Bürgertum und Adel eine elitäre Schicht, die dem kulturellen Leben des Landes entscheidende Impulse gab. Ohne die im reformierten Ausland gewonnenen Anregungen und ohne die reformierten Träger dieser Kultur in Schlesien ließe sich die führende Stellung Schlesiens in der deutschen Literatur des 17. Jahrhunderts weder beschreiben noch erklären."
Conrads, aaO., S. 265

 

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Andreas Gryphius (1616-1664)
Aus: W. Irgang, W. Bein, H. Neubach: Schlesien, 2. korr. Aufl., Köln 1998, S. 101

 

"Schlesien war ein Randgebiet des Dreißigährigen Krieges. Keine der großen Schlachten wurde hier geschlagen. Weder Gustav Adolf von Schweden noch der bayerische General Tilly haben es betreten. Zugleich aber war Schlesien die Achillesferse Habsburgs. Nirgendwo bot sich das kaiserliche Territorium den protestantischen Heeren günstiger und ungeschützter dar als hier. Und entlang der Odersenke konnten protestantische Heere tief nach Süden vordringen, vielleicht gar Wien bedrohen."
Conrads, aaO., S. 276

"In den niederschlesischen Erbfürstentümern Glogau, Sagan, Schweidnitz-Jauer und Münsterberg begann die gewaltsame Katholisierung der Stadtbevölkerung.  Die Städte der Erbfürstentümer betrachtete der Kaiser als sein Kammergut.  Um so mehr glaubte er, hier sein Recht des "cuius regio, eius est religio" erzwingen zu dürfen (...). Die Rücksichtslosigkeit freilich, mit der Kammerpräsident von Dohna das Bekehrungswerk mittels militärischer Einquartierung durchzusetzen gedachte, war eine Vergewaltigung der Gewissen und wirkte auch auf die Glogauer Jesuiten abstoßend.  Ihr Sprecher, Pater Nerlich, übermittelte dem Wiener Hof seinen Protest, denn "solch procedere" führe nur zum Gegenteil und mache "die heilige catholische Religion verhaßt".
Conrads aaO., S. 276

"Die Regelungen des am 24.  Oktober 1648 unterzeichneten Westfälischen Friedens entsprachen den Kräfteverhältnissen (...). Das für Schlesien wichtigste Ergebnis des Westfälischen Friedens wurde im Vertragstext gar nicht hervorgehoben: Es war gelungen, die territoriale Integrität des Landes zu erhalten. Alle Kompensationsansprüche auf ganz Schlesien oder seine nördlichen Teile waren abgewiesen worden. Gleiches galt für den Komplex der österreichischen Erblande, der seit 1648 noch geschlossener wirkte als zuvor".
Conrads aaO, S. 290
 

 

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Evangelische Friedenskirche Schweidnitz, Profilansicht von Süden, Radierung, vor 1735
Aus: Schweidnitz im Wandel der Zeiten, Würzburg 1990, S. 70

 

"In vier Paragraphen des Artikels 5 war folgendes festgelegt: Den schlesischen Fürsten Augsburgischer Konfession in Brieg, Liegnitz, Münsterberg und Oels sowie der Stadt Breslau wurde das Augsburger Bekenntnis im Rahmen der Vorkriegsprivilegien gestattet (...). In den Erbfürstentümern wurde den Lutheranern der Bau von drei Kirchen vor den Toren der Städte Schweidnitz, Jauer und Glogau gestattet, die man bald Friedenskirchen nannte."
Conrads aaO., S. 291

"Auf jeden Fall erhielt die emotionale Bindung der protestantischen Bevölkerung an den Landesherrn damals einen Riß, der sich nur mühsam wieder schloß.  In Schlesien sollte das konfessionelle Zeitalter länger dauern als in anderen Landschaften (...). Es gab dem protestantischen Selbstbehauptungswillen immer neue Kraft und weckte zugleich auch in der katholischen Kirche die schöpferischen Kräfte des schlesischen Barock. Nur wenige Bauwerke haben für den schlesischen Protestantismus eine ähnliche Symbolkraft erlangt wie die drei Friedenskirchen von 1648."
Conrads, aaO., S. 292

 

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Barockportal Haus Neißstraße 30, Görlitz (1726-29)
Aus: Stadtbilder aus Görlitz, Leipzig 1991, S. 22

 

"Der schwedische König Karl XII. hatte bei seinem Krieg gegen Sachsen-Polen im Jahr 1706 mit seinem Heer, ohne erst um Erlaubnis zu fragen, das kaiserliche Schlesien durchquert.  Hier war er von vielen Protestanten wie ein neuer Gustav Adolf begrüßt worden.  In seiner spontanen und religiös kompromißlosen Art machte er das Anliegen der schlesischen Protestanten zu seinem eigenen."
Conrads, aaO, S. 300

 

 

 

 

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Hirschberger Gnadenkirche (1709-1718)
Aus: M. Dworaczyk, E. Bach: Niederschlesien, Würzburg 1994, S. 36

 

"Die am 1. September 1707 unterzeichnete "Altranstädter Konvention" berief sich auf das Interzessionsrecht des Westfälischen Friedens und hatte die Abstellung aller seitdem angesammelten Gravamina zum Ziel (...). Am Ende gab es noch einmal einen Kompromiß wie schon 1648: Der Kaiser bewilligte den Protestanten zusätzlich sechs neue Toleranzkirchen in seinen alten Erbfürstentümern, die bald den Namen "Gnadenkirchen" erhielten (...). Fünf dieser Kirchen lagen in Niederschlesien, nämlich in Hirschberg, Landeshut, Sagan, Freystadt und Militsch.  Oberschlesien erhielt eine einzige Gnadenkirche im südlichen Teschen."
Conrads, aaO., S. 300