Eigenständige Provinz im altpreußischen Staat 1740-1806

"Im Verlauf ihrer wechselhaften Geschichte hat die historische Landschaft "Schlesien" viele territoriale und politische Veränderungen erfahren. Keine davon dürfte so einschneidend gewesen sein wie die Zäsur des Jahres 1740/41, als König Friedrich II. das Land an der oberen und mittleren Oder zunächst okkupierte und dann größtenteils annektierte.
Peter Baumgart, Schlesien als eigenständige Provinz im altpreußischen Staat (1740-1806), in Norbert Conrads (Hrg.), Schlesien, Deutsche Geschichte im Osten Europas, 2. verbesserte Auflage, Berlin 2002, S. 346

"Der geschichtlich so überaus folgenreiche Vorgang, der letztlich auf einer einsamen Entscheidung des dritten Preußenkönigs in einer für ihn denkbar günstigen außenpolitischen Konstellation beruhte, führte zu jener historischen Zweiteilung Schlesiens, die im wesentlichen bis 1918 Bestand hatte (...)".
Baumgart, aaO., S. 346

 

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König Friedrich II. von Preußen, 1763, Ölgemälde von Johann Georg Ziesenis
Aus: Unter einer Krone. Kunst und Kultur der sächsisch-polnischen Union, Leipzig 1997, S. 232

 

"Durch energische englische Vermittlung kam es am 11. Juni 1742 zum Breslauer Präliminarfrieden, den der Berliner Definitivfrieden vom 28.Juli dann nur noch bestätigte (...). Insgesamt fielen damit mehr als 37000 Quadratkilometer mit einer knappen Million Einwohner an  Preußen, während die Krone Österreich lediglich die südöstlichen Randgebiete Schlesiens im Umfang von 5100 Quadratkilometern behielt, namentlich das Fürstentum Teschen, die südlichen Teile der Fürstentümer Troppau und Jägerndorf sowie ein Drittel des alten Bistumslandes Neisse samt den verbleibenden mährischen Exklaven."
Baumgart, aaO., S. 352

"Es kann als sicher gelten, daß jedenfalls etwa die Hälfte der Schlesier sich vor der Wende zum Luthertum bekannte, von denen wiederum die Majorität in Niederschlesien lebte (...). Friedrich II. konnte daher bei seinem Einmarsch in Schlesien auf weitgehende Zustimmung und auf fortdauernde Loyalität bei der protestantischen Bevölkerungshälfte rechnen, während er bei dem katholischen Teil auf Vorbehalte stieß und das Mißtrauen beiderseits groß war."
Baumgart, aaO., S. 367

"In Wien blieb indessen Maria Theresia zur Fortsetzung des Krieges und zur Reduzierung Preußens fest entschlossen, zumal sie mit der Wahl ihres Gemahls Franz Stephan zum römisch-deutschen Kaiser durch die Mehrheit der Kurfürsten am 13. September die österreichische Stellung im Reich erheblich gefestigt sah (...). Dem österreichischen Plan, den Krieg im Bündnis mit Sachsen und womöglich Rußland während eines Winterfeldzuges in die preußischen Kerngebiete hineinzutragen, konnte Friedrich II. nur durch einen Angriff auf Kursachsen zuvorkommen.  Nicht in Schlesien, sondern auf sächsischem Boden wurde der Konflikt militärisch entschieden (...)."
Baumgart, aaO., S. 378

"Der am Weihnachtstage 1745 in Dresden unterzeichnete Frieden bestätigte in der Hauptsache den Status quo ante auf der Basis des Berliner Friedens. Der Preußenkönig behauptete also Schlesien in den 1742 gezogenen Grenzen, erkannte dafür aber das Kaisertum Franz' I. sowie die böhmische Kurstimme Maria Theresias an."
Baumgart, aaO., S. 379

"Zwar ließen sich die weitgespannten Pläne des Grafen Haugwitz 1744 noch nicht realisieren, dafür gelangte aber sein in einer zweiten Denkschrift enthaltenes Minimalprogramm, für Österreichisch-Schlesien das "Contributionssystema auf einen besseren fuß zu setzen", durch Patent der Königin vom 12.  März zur Verwirklichung."Baumgart, aaO., S 382"

 

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Friedrich Wilhelm Graf von Haugwitz, 1763, Gemälde von Johann Michael Millitz
Aus: H. Wolfgang (Hg.): Österreichische Geschichte, 1699-1815: Glanz und Untergang der höfischen Welt, Wien 2001, S. 50

 

"Haugwitz betrachtete das "kleine Landel Schlesien" als ein "sicheres und gutes Modell" für "sämtliche Lande" der großen Habsburgermonarchie. Aber dieser Modellcharakter konnte die marginale Randprovinz nicht vor dem Schicksal bewahren, im Zuge der Spar- und Rationalisierungspolitik Kaiser Josephs II. 1782 mit dem Troppauer Amt seine Eigenständigkeit zu verlieren und verwaltungsmäßig nach Mähren eingegliedert zu werden."
Baumgart, aaO., S. 383

"Im mächtepolitischen Ringen um Schlesien betrachteten die Kontrahenten Österreich und Preußen die Periode seit dem Dresdner Frieden lediglich als einen "Waffenstillstand"; unterdessen suchten sie sich auf die endgültige politisch-militärische Auseinandersetzung vorzubereiten und den geeigneten Zeitpunkt dafür abzupassen." Baumgart, aaO., S. 394

"Als sich im Verlauf des Jahres 1756 die antipreußische Koalition, der sich ungeachtet äußerer Neutralität auch Sachsen-Polen angeschlossen hatte, immer deutlicher formierte und es nach den Informationen Friedrichs durch seine Agenten nur noch um den günstigsten Zeitpunkt zum Losschlagen gegen ihn ging, griff der König zum Mittel des Präventivschlages."
Baumgart, aaO., S. 394

"Die Vermittlung zwischen den Kontrahenten übernahm das von dem Kriegsgeschehen am meisten betroffene Sachsen, und zwar durch den kurprinzlichen Hof in Dresden, der den bei Friedrich wohlgelittenen Freiherrn von Fritsch ins preußische Hauptquartier nach Leipzig sandte; dabei erwies sich rasch, daß nur ein Frieden auf der Grundlage des strikten Status quo ante aussichtsreich war."
Baumgart, aaO., S. 402

 

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Freiherr von Fritz, vor 1775, Ölgemälde von Anton Graff
Aus: Unter einer Krone. KUnst und Kultur der sächsisch-polnischen Union, Leipzig 1997, S. 233

 

"Mit dem friderizianischen Staat und seinen Repräsentanten setzte sich zugleich die maßgebliche Geistesbewegung der Zeit, die Aufklärung, in dem bisher wesentlich von der habsburgischen Barockkultur und Barockfrömmigkeit geprägten Schlesien durch, und zwar stufenweise in den eher gemäßigten Formen, die der deutschen Aufklärungsbewegung mit ihrer theologisch-pädagogischen Akzentuierung gegenüber den radikaleren Ausprägungen in Westeuropa eigen war."
Baumgart, aaO., S. 437

 

 

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Karl Georg Heinrich Graf von Hoym (1739-1807), schlesischer Provinzialminister 1770-1807
Aus: W. Irgang, W. Bein, H. Neubach: Schleisen. 2. korr. Auflage, Köln 1998, S. 125