Die Provinz Schlesien im Kaiserreich 1871-1918

"Wie tiefgreifend der Umbruch in Schlesien seit der Gründung des Kaiserreichs war und wie sehr sich die Strukturen verändert hatten, verdeutlichen die Bevölkerungsentwicklung und die Bevölkerungsverteilung. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1871 lebten in Schlesien 3 707 162 Menschen, davon entfielen auf den Regierungsbezirk Liegnitz 983 020 und auf den Regierungsbezirk Oppeln 1 329 563."
Konrad Fuchs, Vom deutschen Krieg zur deutschen Katastrophe, in Norbert Conrads (Hrsg.), Schlesien, Deutsche Geschichte im Osten Europas, 2. verbesserte Auflage, Berlin 2002, S. 554

"Die Volkszählung vom 1. Dezember 1905 ergab demgegenüber für die Provinz Schlesien folgende Zahlen: Die Gesamtbevölkerung belief sich auf 4 942 675 Personen. Sie verteilte sich auf den Regierungsbezirk Breslau mit 1 773 879, den Regierungsbezirk Liegnitz mit 1 133 145 und den Regierungsbezirk Oppeln mit 1 868 146 Personen. Aufgrund des erheblichen Aufschwungs, den Oberschlesien in den rund 35 Jahren genommen hatte, lag seine Bevölkerungszahl nun über der des Regierungsbezirks Breslau (...)."
Fuchs, aaO., S. 555

"Dennoch hinterließ der Kulturkampf insbesondere im mehrsprachigen und fast vollständig katholischen Oberschlesien tiefe Spuren. Zum einen löste er unter den Katholiken, die sich von den preußischen Behörden zurückgesetzt fühlten, eine tiefe Vertrauenskrise aus; zum anderen setzte mit dem Erlaß des Oppelner Regierungspräsidenten von 1872, der die polnische Sprache fast vollständig aus dem Volksschulunterricht verdrängte, die Politisierung des Sprachenproblems ein."
Joachim Bahlcke, Die Geschichte der schlesischen Territorien von den Anfängen bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, in: Joachim Bahlcke, Schlesien und die Schlesier, München, 2000, S. 102f

"Dem Zentrum war es bis zum Ende des Kulturkampfes gelungen, durch die Betonung der gemeinsamen Konfession die in Oberschlesien bestehenden sozialen und nationalen Gegensätze weitgehend zurückzudrängen. Alle Versuche seit 1848, die polnischsprachigen Oberschlesier an die Seite der Polen aus Posen und Westpreußen zu ziehen und damit in nationalpolnische Bestrebungen einzubeziehen, waren wegen deren Loyalität zu Preußen gescheitert."
Bahlcke, aaO., S. 106

 

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Wojciech Korfanty
Aus: S. Karski: Albert (Wojciech) Korfanty, Dülmen 1990, Buchumschlag

 

"Das Bild veränderte sieh nach der Jahrhundertwende, als die Polen 1903 zum ersten Mal eigene Kandidaten aufstellten.  Zur Überraschung der deutschen Parteien vermochten sie ihren Stimmenanteil von 6,2% (1907) auf 14,3% (1912) zu steigern und damit vier bzw. fünf Wahlkreise für die polnischen Oberschlesier zu gewinnen."
Bahlcke, aaO., S. 105

"Zur beherrschenden Figur in den Nationalitätenkämpfen der kommenden zwei Jahrzehnte wurde der aus Laurahütte stammende Bergmannssohn Adalbert (Wojciech) Korfanty, der 1903 den ersten Wahlkreis, Kattowitz-Zabrze, für die polnischen Oberschlesier gewann und sich im Reichstag der polnischen Fraktion anschloß. Unter der Führung und Organisation Korfantys, der als geistiger und politischer Initiator der polnischen Emanzipationsbewegung in Oberschlesien gilt, standen später die schlesischen Aufstände der Jahre 1919 bis 1921."
Bahlcke aaO., S. 110

 

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Korfantys "Aufruf" mit handgeschriebener Widmung
Aus: S. Karski: Albert (Wojciech) Korfanty, Dülmen 1990, S. 495

 

"Der Breslauer Volksrat, der sich schon am Abend des 9. November 1918 - an diesem Tag gab Reichskanzler Prinz Max von Baden eigenmächtig den Rücktritt Wilhelms II. bekannt - konstituiert hatte, zählte 100 Mitglieder. Diese gehörten sowohl den sozialistischen (66) als auch den bürgerlichen Parteien (34) an. Auf Antrag des aus Liegnitz gebürtigen Sozialdemokraten Paul Löbe, der später von 1920 an mit kurzer Unterbrechung bis zum Jahre 1932 das Amt des Reichstagspräsidenten innehatte, wandelte sich dieses Gremium in den Zentralrat für die Provinz Schlesien um; gleichzeitig erklärte es sich zur höchsten politischen Instanz"
Bahlcke aaO., S. 123

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Paul Löbe
Aus: H. Neubach: Paul Löbe. Arbeitshilfe Nr. 46, Bonn 1985, Titelseite