Schlesien in der Weimarer Republik 1918-1933

"In Niederschlesien verteilten die Sozialdemokratische Partei - die SPD hatte hier bei der letzten Reichstagswahl vor dem Ersten Weltkrieg über 35% der Stimmen gewonnen - sowie die 1918 gegründete linksliberale Deutsche Demokratische Partei (DDP) die hohen Verwaltungsposten unter sich."
Joachim Bahlcke, Die Geschichte der schlesischen Territorien von den Anfängen bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, in: Joachim Bahlcke, Schlesien und die Schlesier, München, 2000, S. 123

"Der mit aller Härte ausgetragene Nationalitätenkampf zwischen Deutschen und Polen in Oberschlesien erregte seit dem Ende des Ersten Weltkriegs die Aufmerksamkeit der europäischen Öffentlichkeit. Sowohl vor als auch nach der Besetzung des Plebiszitgebietes durch französische, italienische und englische Truppen kam es zu blutigen Zusammenstößen."
Bahlcke aaO., S 127 (Abb.33-36)

 

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Französische Truppen in Kattowitz 1921
Aus: "Wach auf, mein Herz, und denke", Berlin 1995, S. 231

 

"Nach einigen Tagen legte die Interalliierte Kommission das endgültige Abstimmungsergebnis vor. Bei einer Wahlbeteiligung von 97,8% hatten 707554 (59,6%) für das Verbleiben bei Deutschland und 478820 (40,4%) für den Anschluß an Polen gestimmt (...). Deutliche Mehrheiten konnten die Deutschen insbesondere in den Städten, in Oppeln (95,0%), Ratibor (90,9%), Kattowitz (85,4%), Gleiwitz (78,9%) und Beuthen 0. S. (74,7%), erlangen."
Bahlcke aaO., S. 130f
 
"Der von Korfantys Truppen am 3. Mai 1921, dem polnischen Nationalfeiertag, entfesselte dritte Aufstand führte zu erbitterten Kämpfen mit deutschen Selbstschutzverbänden (...). Zum entscheidenen Gefecht kam es am 21.  Mai 1921, als die deutschen Verbände den St. Annaberg erstürmten und den Polen eine empfindliche Niederlage bereiteten."
Bahlcke aaO., S. 133

 

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Von Korfanty herausgegebenes Notgeld
Aus: S. Karski: Albert (Wojciech) Korfanty, Dülmen 1990, S. 351

 

"Da sich die Interalliierte Kommission auch nach fünf Monaten nicht auf eine Teilungsgrenze geeinigt hatte, wurde auf Vorschlag Frankreichs Mitte August der Völkerbund in Genf angerufen.  Dessen Empfehlungen folgend, nahm der Botschafterrat der alliierten Siegermächte am 20.  Oktober 1921 eine Aufteilung Oberschlesiens vor.  Die lokalen Abstimmungsergebnisse wurden zwar berücksichtigt, doch erfolgte die Teilung in erster Linie nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten (...). Deutschland wurden zwei Drittel des Abstimmungsgebietes und 58% der Bewohner zugesprochen, allerdings lagen im polnischen Teil 85% aller Kohlevorräte und 75% der Industrieanlagen."
Bahlcke aaO., S. 133

"(...) förderte die Weltwirtschaftskrise eine radikale Mentalität. Auch in Schlesien erhöhte sie die Aufnahmebereitschaft für die Ideologie eines revolutionären Marxismus auf der einen und die eines revolutionären Nationalismus auf der anderen Seite. Vor allem die NSDAP errang in Schlesien überdurchschnittliche Wahlerfolge, die sich jedoch nur zum Teil auf die schwierige wirtschaftliche Lage des von Zollgrenzen umgebenen Oderlandes zurückführen lassen."

"Hatte die NSDAP bei der Reichstagswahl am 20. Mai 1928 in Schlesien noch nicht einmal 25 000 Stimmen erhalten, so liefen ihr nur wenig später die Wähler massenhaft zu."
Bahlcke aaO., S. 136

"Der Erfolg der NSDAP bei den Reichstagswahlen vom 31. Juli 1932 fiel in Nieder- und Oberschlesien noch deutlicher aus als in anderen Provinzen. Eine rücksichtslose Agitation und ein brutaler Kampfstil ließen sie mit 43,5% bzw. 48,8% in den Regierungsbezirken Breslau und Liegnitz zur stärksten politischen Kraft werden; in Oberschlesien vermochte sie ihren Stimmenanteil von 9,5% auf 29,2% mehr als zu verdreifachen."
Bahlcke aaO., S. 137