Die preußische Provinz Schlesien zwischen 1806 und 1871

"An einen Krieg gegen Napoleon dachte zu diesem Zeitpunkt, von einigen Militärs abgesehen, wohl niemand (...). Die durch die neue Städteordnung gleichfalls geforderte Aufstellung von Bürgergarden, die den Schlesiern am 12.April 1812 noch einmal ausdrücklich befohlen wurde, kam nur schwer in Gang (...). Man wollte keinen Krieg, egal, ob gegen Russen oder Franzosen. Eine allgemeine Begeisterung für die Befreiung des Vaterlandes lag den Schlesiern 1812 recht fern."
Arno Herzig, Die unruhige Provinz Schlesien zwischen 1806 und 1871, in Norbert Conrads (Hrg.), Schlesien, Deutsche Geschichte im Osten Europas, 2. verbesserte Auflage, Berlin 2002, S. 474

"Am 22. Januar 1813 verlegte der preußische König seine Residenz nach Breslau und stellte sich zögerlich auf die Seite der Kriegspartei. Am 17. März 1813 erließ er hier den bekannten Aufruf "An mein Volk" und stiftete das Eiserne Kreuz."
Herzig, aaO., S. 477

 

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Der berühmte Aufruf "An mein Volk", 1813
Aus: W. Irgang, W. Bein, H. Neubach:Schlesien, 2. korr. Aufl., Köln 1998, S. 127

 

"Mit dem Sieg Blüchers an der Katzbach am 26. August 1813 waren alle Franzosen aus Schlesien vertrieben. Lediglich auf der Festung Glogau hielt sich der französische Kommandant noch bis zum 10. April 1814."
Herzig, aaO., S. 477

 

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Auszug der Freiwilligen aus Breslau, Lithographie von Adolph von Menzel, 1836, welche die Stimmung des Jahres 1813 einfängt.
Aus: N. Conrads (Hg.): Schlesien. Deutsche Geschichte im Osten Europas, Berlin 1994, S. 476

 

"Durch die Unterdrückung der Reformen nach 1815 ließen sich die Probleme nicht lösen. Schlesien verkam allmählich zu einem Notstandsgebiet der preußischen Monarchie. Die durch die Politik in mehreren Regulierungsgesetzen umrissenen Rahmenbedingungen hatten den Großgrundbesitz nicht nur stabilisiert, sondern durch Land- und Kapitalgewinn erheblich vergrößert."
Herzig, aaO., S. 484

"Bis der Eisenbahnbau die industrielle Entwicklung Schlesiens in den fünfziger Jahren vorantrieb, war Schlesien das Armenhaus Preußens, was freilich der breiten Öffentlichkeit in Deutschland erst nach dem Weberaufstand von 1844 und der oberschlesischen Typhusepidemie im Jahre 1847 bewußt wurde. Nun aber häuften sich die Elendsbeschreibungen der armen Weber im Gebirge, der von Seuchen geplagten bäuerlichen Bevölkerung Oberschlesiens."
Herzig, aaO., S. 494

"In Virchows Bericht rückt eine Unterschichtengruppe in den Mittelpunkt, die in den zeitgenössischen Berichten recht unterschiedlich beurteilt wurde: die polnisch-sprachige Minderheit. Für den radikalen Liberalen Virchow zählten die Polen offensichtlich zu den "geschichtslosen" Völkern, eine Situation, die sich nach seiner Einschätzung jedoch in neuerer Zeit durch den Panslawismus geändert habe (...).  Er trat deshalb für eine Hebung des geistigen Niveaus dieser Minderheit durch ein Schulsystem mit Polnisch als Unterrichtssprache ein, nachdem die Germanisierung durch deutsche Schulen völlig versagt habe."
Herzig, aaO., S.497

"Nach dem preußischen Emanzipationsgesetz von 1812, das den Juden in Preußen keineswegs die volle rechtliche Gleichstellung brachte - dafür mußten noch einmal über fünfzig Jahre vergehen -, war eine wirtschaftliche Entfaltung möglich (...). Dieser Aufstieg hatte sich in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts vollzogen, so daß der Anteil der jüdischen Armen, die von Almosen und vom Bettel lebten, 1860 in Schlesien nur noch etwa elf Prozent betrug.  Noch 1848 hatte der Anteil der jüdischen Armen in Preußen bei 4o bis 43 Prozent gelegen."
Herzig, aaO., S. 510

"Das Konfliktpotential, das sich in Schlesien durch die unterbliebenen Reformen und die sozialen Gegensätze gebildet hatte, bestimmte auch die Ereignisse der Revolution von 1848.  Brisant war nach wie vor die Landfrage. In den vierziger Jahren hatten einsichtige Adlige wie der in Schlesien lebende Carl von Vincke für ein Zusammengehen von adligen Landbesitzern und Bauern plädiert, um so eine Massenbasis gegen die 'allen drohende Gefahr der zunehmenden Demoralisation [und] des durch kommunistische Ideen gärenden Pauperismus zu schaffen' ". 
Herzig, aaO., S. 539

 

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Skizze vom Tagebau in Königshütte in Oberschlesien von Adolph von Menzel, 1872
Aus: N. Conrads (Hg.): Schlesien. Deutsche Geschichte im Osten Europas, Berlin 1994, S. 549

 

"In der industriellen Entwicklung belegte Schlesien 1860 mit zehn Prozent Anteil an der Gesamtproduktion in Preußen einen guten Durchschnittsplatz. Nur die Provinzen Rheinland mit dreizehn Prozent, Brandenburg-Sachsen mit zwölf Prozent und Westfalen mit elf Prozent lagen darüber. Das industrielle West-Ost-Gefälle der vierziger Jahre wurde nach 1860 allmählich ausgeglichen. Schlesien war nicht mehr das Armenhaus Preußens."
Herzig, aaO., S. 552

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Laurahütte bei Siemianowitz, 1842, Stahlstich von C. Reis
Aus: N. Conrads (Hg.): Schlesien. Deutsche Geschichte im Osten Europas, Berlin 1994, S. 559