Schlesien nach 1945

"Kleinere Bevölkerungsverschiebungen hatte es auch früher schon gegeben. So waren nach dem Ersten Weltkrieg und der Volksabstimmung 1922 polnische Oberschlesier aus dem deutschen Teil des Landes in die Wojewodschaft Schlesien übergesiedelt, deutsche Ostoberschlesier in das Oppelner Gebiet. Der mit dem Jahr 1945 beginnende Bevölkerungsaustausch aber war in seinem Ausmaß und in seinen Folgen beispiellos.
Joachim Rogall, Krieg, Vertreibung und Neuanfang. Die Entwicklung Schlesiens und das Schicksal seiner Bewohner von 1939-1945, in Joachim Bahlcke, Schlesien und die Schlesier, München, 2000, S. 184

"Das Jahr 1945 brachte nicht, wie die offizielle Propaganda behauptete, die "Heimkehr des alten Piastenlandes zum Mutterland", sondern die aufgrund einer Entscheidung der siegreichen Alliierten des Zweiten Weltkrieges erfolgte Angliederung eines fremden Territoriums im Westen an den im Osten amputierten polnischen Staat."
Rogall, aaO., S. 185

"Bei der Festlegung der polnisch-tschechischen Grenze kam es zu harten Auseinandersetzungen zwischen beiden Regierungen.  Dabei ging es neben dem von Polen 1938 annektierten Olsa-Gebiet auch um tschechische Ansprüche auf nieder- und oberschlesische Gebiete wie die Grafschaft Glatz und das Gebiet um Leobschütz und Ratibor."
Rogall, aaO., S. 187

"Absicht der polnischen Behörden war es, durch rasche Veränderung der Bevölkerungsverhältnisse in den Oder-Neiße-Gebieten zugunsten Polens die Entscheidung der Alliierten bezüglich der endgültigen Festlegung der polnischen Westgrenze zu beeinflussen. Diesem Ziel dienten auch die im Juni 1945 erfolgte Sperrung von Oder und Lausitzer Neiße, um den Rückstrom geflohener deutscher Bevölkerung zu stoppen, und erste Zwangsaussiedlungen von Deutschen aus den nächst der Oder und Lausitzer Neiße gelegenen Kreisen durch polnisches Militär im Juni/ Juli 1945."
Rogall, aaO., S. 187

 

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Polnische Umsiedler warten im Jahre 1945 bei Lodz auf den Weitertransport nach Schlesien
Aus: J. Bahlcke: Schlesien und die Schlesier, München 1996, S. 185

 

"Die Ansiedlung von Polen in Schlesien erfolgte zunächst weitgehend planlos und unter äußerst provisorischen Bedingungen (...). Im polnischerseits nicht zu Unrecht so bezeichneten "wilden Westen" herrschte eine Atmosphäre der Unsicherheit, Vorläufigkeit und Rechtlosigkeit, welche von Plünderern ausgenutzt wurde, die teilweise in organisierten Banden aus den benachbarten polnischen Gebieten nach Schlesien zogen und alles bewegliche Inventar abtransportierten."
Rogall, aaO., S. 187

 

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Vertriebene Deutsche auf der Autobahn westlich von Breslau
Aus: "Wach auf, mein Herz, und denke", Berlin 1995, S. 409

 

"Mit der Vertreibung und Aussiedlung der Deutschen änderte sich seit 1945 das kulturelle Gesicht Schlesiens grundlegend. Es trägt seither polnische Züge (...). Die neuen polnischen Bewohner Schlesiens brachten ihre kulturellen Traditionen aus den Herkunftsgebieten mit. Dies geschah teilweise in Form ganzer wissenschaftlicher bzw. kultureller Institutionen. Hier seien nur das aus Lemberg stammende Ossolinski-Nationalinstitut mit seiner bedeutenden Bibliothek und ein großer Teil des Lehrkörpers der Lemberger Universität genannt (...). Breslau entwickelte sich in der Folge rasch zu einem der bedeutendsten geistigen und kulturellen Mittelpunkte Polens."
Rogall, aaO., S. 193

"Die polnischen Behörden versuchten, durch eine rigorose Polonisierung aller Lebensbereiche jegliche deutschen Spuren in Schlesien und die Bindungen der Einheimischen an die deutsche Kultur zu beseitigen. So wurden u. a. der Gebrauch der deutschen Sprache verfolgt, deutschklingende Vor- und Familiennamen auch gegen den Willen der Betroffenen polonisiert und regionale Traditionen, welche mit deutscher Kultur im weitesten Sinne verbunden waren, unterdrückt."
Rogall, aaO., S. 202