Schlesien in Polen nach 1989

"Anfang der 90er Jahre schrieb darüber der bekannte Publizist Jan Jozef Lipski, daß wir Polen 'zu Depositären deutscher Kultur, riesiger Kulturgüter in diesen Gebieten, von Kirchen, Schlössern, Palais, Rathäusern, berühmten Patrizierhäusern wurden'. Aus dieser Tatsache folgten 'Pflichten, an deren Erfüllung nicht nur die Deutschen, sondern alle Europäer messen könnten, wie wir durch unser Verhalten unser Kulturniveau beweisen'."
Krzystof Ruchniewicz, Die Herausbildung einer regionalen Identität in Niederschlesien in den letzten zehn Jahren, in Heinrich Trierenberg (Hrsg.), Niederschlesien im Wandel - Dolny Slansk w procesie przemian, Dülmen 2002, S. 63

"Im letzten Jahrzehnt verlief ein Prozeß, den man die Adoption der deutschen Geschichte der Westgebiete nennen kann. Bezeichnend dafür ist der von A. Zawada vorgeschlagene alt-neue Name der Hauptstadt Niederschlesiens, Breslaw: zusammengesetzt aus Bres(lau) und (Wroc)law."
Ruchniewicz, aaO., S. 65

"Besonders erfolgreich war auch die inzwischen mehrjährige Arbeit der "Gazeta Dolnoslanskaa" (Niederschlesische Zeitung), der regionalen Beilage der größten Tageszeitung Polens, der "Gazeta Wyborcza" (...).  Den Journalisten gelang es, Tausende von Niederschlesiern zur Meinungsäußerung zu bewegen. Die meisten von ihnen, über 80 %, stimmten für das historische schlesische Wappen, den schwarzen Adler mit dem silbernen Mond mit Kreuz auf goldenem Hintergrund. Die mit dem Wappen verknüpften antideutschen Parolen von Politikern fanden keinen Widerhall."
Ruchniewicz, aaO., S. 66

"Ein richtiger Schlager wurde 1992 die Ausstellung "Unbekanntes Stadtportrait", die Fotografien aus der Zeit um die Jahrhundertwende zeigte (...). Bis 1989 hatte die Stadtverwaltung jede Gelegenheit genutzt, aus dem Stadtbild alles zu entfernen, was die frühere Kultur Breslaus zeigte. Im jetzigen Stadtbild fehlen all die romantischen Gaslaternen, Schilder von Geschäften und Schulen, eisernen Pumpen und Brunnen, geschmiedeten Zäune und das alte Straßenpflaster."
Maciej Lagiewski, Breslau - Schlesien - Europäisches Kulturerbe,  in Heinrich Trierenberg (Hrsg.), Niederschlesien im Wandel - Dolny Slansk w procesie przemian. Dülmen 2002, S. 75

"Der Krieg hat auch dazu geführt, daß Schlesien eine Vielzahl seiner wertvollsten Schätze und Kunstwerke verloren hat.  Was nicht im Krieg zerstört wurde, wurde gen Westen und Osten Europas "evakuiert". Ein großer Teil davon gelangte in die Warschauer Museen. Um die Zurückführung der zerstreuten Fragmente des schlesischen Kulturerbes kämpfe ich schon seit einigen Jahren (...)."
Lagiewki, aaO., S. 78

"In der "Gemeinsamen Erklärung" von 1989 hatte Polen zwar den auf seinem Staatsgebiet lebenden Personen und Bevölkerungsgruppen, welche sich zu deutscher Sprache, Kultur oder Tradition bekannten, das Recht zugestanden, ihre Identität zu wahren und zu entfalten. Die Rechte der deutschen Minderheit in Polen wurden aber erst am 17. Juni 1991 in einem deutsch-polnischen "Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit" (Nachbarschaftsvertrag) genauer beschrieben."
Joachim Rogall, Krieg, Vertreibung und Neuanfang. Die Entwicklung Schlesiens und das Schicksal seiner Bewohner von 1939-1945, in Joachim Bahlcke, Schlesien und die Schlesier, München, 2000, S.  204

 

624_bild1
Zweisprachiges Straßenschild in Himmelwitz, 1992
Aus: "Wach auf, mein Herz, und denke", Berlin 1995, S. 515

 

"Mit ihrer Legalisierung wurde die deutsche Minderheit in ihrem geschlossenen Siedlungsgebiet in Oberschlesien auch zu einer politischen Kraft. Dies zeigte sieh bei den Wahlen, die seit 1990 in Polen stattgefunden haben. Erstmals wurde ein deutscher Kandidat bei den nach dem Tod des Senators Edmund Osmaiiezyk notwendig gewordenen Ergänzungswahlen zum Senat in der Wojewodschaft Oppeln im Frühjahr 1990 aufgestellt."
Rogall, aaO., S. 205

"Nach dem Gesetz über das Bildungssystem vom 7. September 1991 sind die öffentlichen Schulen verpflichtet, den Schülern durch Unterricht der Muttersprache sowie der eigenen Geschichte und Kultur den Erhalt der nationalen Identität zu ermöglichen."
Rogall, aaO., S. 207

"Dank des Oppelner Bischofs Alfons Nossol konnten seit dem 4. Juni 1989 in Oberschlesien wieder deutsche katholische Gottesdienste eingeführt werden. Es begann mit deutschsprachigen Messen auf dem St. Annaberg und wurde später, nach entsprechenden Anträgen von Gläubigen, auf die gesamte Diözese Oppeln ausgeweitet."
Rogall, aaO., S. 209