Liegnitz (Legnica)

60 km nordwestlich von Breslau im Tal der Katzbach und Schwarzwasser gelegen, war der Ort im 10./11. Jahrhundert wahrscheinlich Gauhauptburg der Trebowanen. 1149 ist es Marktort, 1175 kommt es zur Befestigung der herzoglichen Burg. Nach der Mongolenschlacht bei Wahlstatt (1241) beginnt 1242-1255 die Gründung der deutschen Stadt, die 1250 Magdeburger Stadtrecht erhält. 1311 werden die Herzogtümer Liegnitz und Brieg vereinigt. 1329 kommen beide unter die Oberlehnshoheit Böhmens, 1526 mit Böhmen an Österreich, 1742 mit Schlesien an Preußen.

Älteste Kirche, ursprünglich wohl aus Holz, um 1192 zum ersten Mal als Steinbau errichtet, mehrfach durch Feuer zerstört und wiederaufgebaut, ist die heutigentags noch evangelische Liebfrauenkirche. Die Peter-Paul-Kirche, seit 1992 Kathedrale des Bistums Liegnitz, wird in ihren Frühformen erstmals 1208 erwähn

 

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St. Peter und Paul
Katholische Pfarrkirche St. Peter und Paul
Aus: M. Dworaczyk, E. Bach: Niederschlesien, Würzburg 1994, S. 78

 

 

 

Die katholische Pfarrkirche St. Johannes stellt einen Höhepunkt des schlesischen Barock dar. Ursprünglich Klosterkirche der Franziskaner (1294) wurde sie 1714 abgerissen und bis 1727 nach dem Vorbild des Klosters Banz in Ober-franken neuerbaut. Deutlich jünger sind die altlutherische St. Martin-Kirche (1833), die katholische St. Trinitatis-Kirche (1902-04) und die evangelische Kaiser-Friedrich-Gedächtnis-Kirche (1908).

Das Piastenschloß wurde 1530 im Stil der Renaissance, nach dem Brand von 1835 durch Friedrich Schinkel umgebaut; doch stammen der Hedwigsturm links und der Petersturm rechts noch aus dem Mittelalter. Weitere Renaissancebauten sind das Haus "Wachtelkorb" und die "Heringsbuden", acht schmale Giebelhäuschen auf dem Ring. Vor dem im Barockstil von Michael Scherhofer erbauten Rathaus befindet sich seit 1731 der Neptunsbrunnen. Das Stadttheater hat Carl Ferdinand Langhans 1842 erbaut. Durch den Zweiten Weltkrieg hatte Liegnitz nicht sehr stark gelitten. Vieles wurde erst nach dem Krieg zerstört. Häufig  sind  alte Häuser durch moderne Bauten und Hochhäuser ersetzt worden. Das hat das Stadtbild sehr verändert

 

 

Als Sitz des Herzogs war Liegnitz staatliche und kirchliche Verwaltungszentrale für das Herzogtum, zugleich zentraler Schulort. Das städtische Gymnasium, 1309 gegründet, ist das älteste in Schlesien. Jesuitenkollegium und Ritterakademie, 1708 für den Adel eingerichtet, seit 1811 Gymnasium auch für Bürgerliche, galten als anerkannte Bildungsstätten. Zu nennen sind aber auch die Höhere Landwirtschaftsschule (ab 1873), die Taubstummenanstalt (ab 1831), das Lehrerseminar (1882-1925), das Lehrerinnenseminar (1891-1912) sowie  zahlreiche Einrichtungen der Inneren Mission. 1816-1945 war Liegnitz Sitz des Regierungspräsidenten für Niederschlesien. Dazu kamen u. a. Oberpostdirektion, Finanzamt, Hauptzollamt, Gerichte, Landesstraßenbauamt, Handwerkskammer; seit 1874 auch der Stadtkreis.  1945-1975 gehörte der Stadtkreis zur Wojewodschaft Breslau, seit 1975 zur Wojewodschaft Liegnitz. 

 

Liegnitz 1536/37
Darstellung der Stadt Liegnitz im Album der Reisebilder Pfalzgraf Ottheinrichs aus den Jahren 1536/37
Aus: Schlesischer Kulturspiegel 36 (2001), S. 33

 

An der Hohen Straße von Glogau nach Böhmen gelegen, konnte Liegnitz schon im Mittelalter für Wirtschaft, Erzabbau und Handel, von Polen bis Flandern, von seiner verkehrsgünstigen Lage profitieren. Diesen Standortvorteil sicherte der Stadt ab 1844 der Ausbau der Eisenbahnstrecken Breslau-Dresden, Oberschlesien-Breslau-Berlin. Dazu kam 1936 die Reichsautobahn Liegnitz-Breslau. Nach einer längeren Periode des wirtschaftlichen Niederganges seit dem 16. Jahrhundert kam es im 19. und 20. Jahrhundert zu einer neuen Blüte: Gemüsebau und Rohkonservenherstellung (Gurken, Sauerkraut, Zwiebeln); Pianoforte-fabrikation Eduard Seiler (ab 1849); Maschinenfabrikation u.a. Teichert und Sohn (1845); Ceres AG (1875); Sägewerks- und Holzverarbeitungsmaschinen; Wollwarenfabrik Mercur mit 1926 1.000 Beschäftigten; Spielwarenherstellung; Ppierindustrie; Druckereien und Verlage; Ziegeleien; Lackfabrikation; Braugewerbe; Honigkuchenherstellung ("Liegnitzer Bombe" seit 1853); zahlreiche Banken und Kreditinstitute. Nach 1945 erfolgte der Wiederaufbau der alten Industriezweige, ab 1959 der Ausbau der Kupferbergbaureviers, ab 1964 der Kupferindustrie "Legmet".

Liegnitz war ab 1742 Garnison. 1875, 1890, 1906 fanden hier die Kaisermanöver statt. Nach 1945 war Liegnitz die stärkste Garnison der sowjetischen Streitkräfte in Schlesien. Daneben gab es zahlreiche verschiedenartige Vereine: 1928 u. a. über 40 Gewerkschaften, 44 Turn- und Sport-, 38 Offiziers- und Krieger-, 17 Wohlfahrtsvereine. Die Zahl der Einwohner lag 1618 bei 8.000; 1740 bei 4.885; 1809 bei 9.470; 1900 bei 54.882; 1939 bei 83.681; 1946 bei 24.357; 1960 bei 64.200; 1985 bei 93.000.

 

Heringsbuden
Die "Heringsbuden"
Aus: M. Dworaczyk, E. Bach: Niederschlesien, Würzburg, 1994, S. 79

 

Herzog Friedrich II. stellte sich ab 1522 auf die Seite der Reformation und wandelte sein Herzogtum in eine evangelische Landeskirche mit einem Superintendenten und einem Konsistorium an der Spitze um. Nach dem Aussterben der Liegnitzer Piasten fielen die Stadt und das Herzogtum 1675 an den Kaiser in Wien. Die damit auch hier einsetzende Gegenreformation konnte nach der Altranstädter Konvention (1707) größtenteils wieder rückgängig gemacht werden. 1927 gab es in Liegnitz rund 54.00 evangelische, 15.000 katholische und 800 jüdische Einwohner.

Historisch bedeutende Persönlichkeiten aus Liegnitz und Umgebung sind Nikolaus Wurm (nach 1401 - um 1380), Verfasser des "Liegnitzer Stadtrechtsbuches"; Kaspar von Schwenckfeld (1489-1561), Begründer einer Nebenlinie der Reformation; Valentin Trotzendorf 1490-1556), eigentlich Friedland, Schulreformer; Ritter Hans von Schweinichen (1552-1616), Verfasser des "Memorialbuches"; Martin Opitz (1597-1639), Dichter, Sprachreformer; Friedrich Freiherr von Logau (1604-1655), Dichter; Georg Thebesius (1636-1688) Geschichtsschreiber ("Liegnitzer Jahrbücher"); Johann Sinapius (1657-1725), Rektor der Stadtschule, Verfasser der "Olsnographia" und der "Kuriositäten des schlesischen Adels"; Heinrich Wilhelm Dove (1803-1879), Physiker und Meteorologe, Gründer des Meteorologischen Instituts in Berlin; Paul Löbe (1875-1967), SPD-Politiker; Martin Schian (1896-1944), ev. Theologe.                              

Christian-Erdmann Schott

 

Literatur:

Theodor Schönborn: Liegnitz, in: Waldemar Grosch (Bearb.): Schlesisches Städtebuch (Deutsches Städtebuch. Neubearbeitung. Bd. 1: Schlesien) Stuttgart, Berlin, Köln 1995, S. 237-246.

Hugo Weczerka: Liegnitz, in: Hugo Weczerka (Hg.): Schlesien. Handbuch der historischen Stätten. Stuttgart 1977, S. 283-295.

Albrecht Jander: Liegnitz in seinem Entwicklungsgange von den Anfängen bis zu Gegenwart. Liegnitz 1905.

Erwin Stein (Hg.): Liegnitz (Monographien deutscher Städte. Bd. 22). Berlin-Friedenau 1927.

Theodor Schönborn (Hg.): Liegnitz. 700 Jahre eine Stadt deutschen Rechts. Breslau 1943.

Gerhard Kaske und Horst Hiller: Liegnitz. Die schlesische Gartenstadt. Berlin, Bonn 1992.

Beiträge zur Liegnitzer Geschichte der Historischen Gesellschaft Liegnitz e.V. 32 Bde. 1971-2003 [Reihe wird fortgesetzt; Bände zu den verschiedensten historischen Themen]


Mehr über Liegnitz (Legnica)

Die Liegnitzer Ritterakademie
http://home.foni.net/~adelsforschung/liegnitz.htmexterner Link

Liegnitz heute
http://www.legnica.net.pl/externer Link

 

LITERATURHINWEIS
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