Max Hermann-Neiße

Portrait

 

"Er ist der grüne Heinrich, und alle glauben es, wenn ich das sage.... Und seine Seele ist grün und tief ein heller Schilfteich... und seine Gedichte sind große pietätvolle Wanduhren, schlagen herrlich, wenn er sie vorträgt", schrieb Else Lasker-Schüler über den Dichter Max Herrmann-Neisse, und so Heinrich Mann über den im englischen Exil Verstorbenen: "In seinen letzten Gedichten lese ich manchen Abend und bin von ihrem Zauber befangen. Das Auffallendste: Es sind neue Töne; dieser wunderbare Dichter wirkt zuletzt mit geheimnisvollen Künsten auf mich ein. Eher noch wird es keine bewußte Erneuerung seines Talentes sein, sondern die Ahnung des Endes, dem die höchste Aufklärung über das eigene Schicksal vorausgeht, mit der Fähigkeit, es mitzuteilen, eindringlicher als je zuvor."

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Das Lebensende Max Hermann-Neisses, der am 8. April 1886 im oberschlesischen Neiße als Sohn eines Gastwirts geboren wurde, war erschütternd: Am 8. April 1941 ist er im Londoner Exil verstorben - wohl vor allem "krank an Heimweh". Als die Nazis im Januar 1933 die Macht in Deutschland übernahmen, wählte der Schriftsteller den Weg ins Exil, obgleich er unmittelbar nicht bedroht war. In einem Telefongespräch, das sein Dichter-Kollege Gerhart Pohl überlieferte, sagt er zu diesem Entschluß, sein Heimatland zu verlassen: "Ich verblühe morgen." Pohl darauf: "Führen Sie doch nach Schlesien! Sie sind kein Jude. man wird Sie schinden, wie uns alle, aber nicht vernichten." Dann hörte ich aus der Muschel: "Nee, wissen se, ich bin doch keen Bolschewik. Die kennen doch keene Heimat... Ich möchte damit nischt zu schaffen haben."

 

Gemälde
Gemälde von George Grosz
Aus: M. Hermann-Neiße: Ich gehe,wie ich kam, München-Wien 1979, S. 146

Dann fuhr er mit seiner Frau nach Zürich und später nach London. Werner Milch, der früh verstorbene  Marburger Literaturhistoriker (1903-1950) erzählt folgende Anekdote: Max Herrmann-Neisse traf sich einmal in der  Woche in einer Kneipe im Eastend in London, die ein Schicksalsgenosse aus Neisse betrieb: "Seitdem ich mich dort treffe, bin ich nicht mehr so alleine, so verstoßen in der Welt."

 

Buchumschlag
Umschlagzeichnung von Johannes Grützke
Aus: M. Hermann-Neiße: Die neue Entscheidung, Frankfurt/Main 1988

 


Max Herrmann, der das Gymnasium seiner Heimatstadt besuchte, danach in München und in Breslau studierte, wählte das entbehrungsreiche Dasein eines freien Schriftstellers; zudem litt er an einem "körperhaften Mißgeschick", das er immer wieder als eine gesellschaftliche Ächtung empfand, die seine Lebensgefährtin Leni Gabek zu mildern suchte. Mit ihr siedelte er nach dem Tode  seiner Eltern 1917 nach Berlin über - seine wohl glücklichste Zeit. Hier spielte er mit in seinem Stück "Albine und Aujust", in Filmen von Karlheinz Martin und als Rezitator eigener Gedichte in Trude Hesterbergs "Wilder Bühne". Mit den Malerfreunden Ludwig  Meidner, Heinrich Zille und vor allem Georg Grosz durchstreifte er die Puffstraßen, Kaschemmen und Likörstuben des "lasterhaften Berlin", und mit den Stars der Berliner Kabaretts, wie Claire Waldoff, Hermann Vallentin, Paul Graetz, Willi Schaefer, Ilse Bois, Karl Valentin und Liesl Karlstadt verbrachte er die Nächte in den einschlägigen Künstlerkneipen.

Pohl überliefert uns Nachgeborenen von dieser Berliner Zeit seines schlesischen Landsmannes: "Manchmal habe ich ihn am Spätnachmittag in seiner Wohnung abgeholt - Kurfürstendamm 214, wo heute eine Gedenktafel an ihn erinnert. Dann sind wir gemeinsam den beliebten Boulevard entlang geschlendert. Um ihn waren Einsamkeit und Sehnsucht gebreitet." Und es heißt weiter: "Heute habe ich einen Brief aus meiner Vaterstadt Neiße erhalten. Da ist mir plötzlich schmerzlich klar geworden, was ich verloren habe." Und unbekümmert um die vielen Menschen rezitierte er Verse seine Gedichtes: "Wenn wieder hier mir alle wehetun, wird jetzt die Heimat lieb wie stets mich trösten."

Das Unerfüllte seiner Existenz, seiner dichterischen Möglichkeiten und vielseitigen Äußerungen als Lyriker, als Kritiker und Publizist hat dieser Dichter aus Neisse oft und schmerzlich empfunden. Viel spricht dafür, daß dieser Lyriker mit seinem ganz eigenen Tonfall erst als Exulant zur Erfüllung seiner dichterischen Aussagen gereift ist. Seine Verse hatten zeitweise Assonanzen an expressionistische Tonlagen, aber atmosphärisch bedingt denn durch innere Notwendigkeit gegeben. Und es ist wohl auch kein Zufall, daß von dem vor der Emigration entstandenen Versen diejenigen sich am besten bewähren, die auf Pathos verzichten und ohne gesteilte Ballungen das Enttäuschende einer "Rückkehr" (in die Heimatstadt Neisse) illusionslos  aussagen:

           Die Eitelkeit in einem Pastors Gruß
           am Weg zur Post: wie vor vielen Jahren:
           der Winkelkneipe roten  Lastergruß
           pflück ich wie damals, scheu und unerfahren.

Noch während des Krieges konnten seine "Letzen Gedichte" (1941) sowie die Auswahl "Mir bleibt mein Lied" (1942) erscheinen. Wie ein bleibendes Vermächtnis klingen die Verse: "Denn die Heimat bleibt bestehen / in dem Lied verstoßner Söhne."

Günter Gerstmann            

Ausgaben

 

 

Literatur

 

 

Horst Bienek
Jakob Böhme
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Gustav Freytag
Andreas Gryphius
J.C.Günther
Gerhart Hauptmann
Max Hermann-Neiße
C. Hoffmann von Hoffmanswaldau
Karl von Holtei
Paul Keller
August Kopisch
Heinrich Laube
Daniel Casper von Lohenstein
Martin Opitz
Angelus Silesius
Hermann Stehr
Moritz Graf Strachwitz