Friedenskirche zu Schweidnitz (Świdnica)

Wenn man seinen Wagen vor der Einfahrt zu dem weitläufigen Kirchengelände in Schweidnitz (polnisch Świdnica) abstellt und sich der Kirche nähert, ist man zunächst enttäuscht. Ein zwar großes Gebäude ist hinter alten Bäumen zu erkennen - aber recht schmucklos und sogar ohne Turm. Betritt man die Kirche durch die Sakristei, wird man geradezu erschlagen von der prächtigen barocken Ausstattung und von dem riesigen Kirchenraum. Die Kirche wurde für würdig befunden, im Herbst 2002 in die UNESCO-Liste "Weltkulturerbe" aufgenommen zu werden.

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 Um 1520 war Schweidnitz schon eine ansehnliche Stadt - die größte neben Breslau. Ihr Handel blühte und erstreckte sich bis nach Böhmen, Ungarn, weit nach Polen und Rußland und sogar bis nach Oberitalien. Bis dorthin wurde das berühmte Bier verkauft. Politisch gehörte Schweidnitz zum Besitz der Böhmenkönige und damit seit 1526 zu den Habsburgern. Bald nach dem Reichstag zu Worms verbreitete sich die Lehre Luthers in Schlesien rasch und faßte auch in Schweidnitz Fuß. In der großen gotischen Pfarrkirche (höchster Turm Schlesiens mit 103 m) wurde evangelisch gepredigt. Als dann aber die vom Habsburger Kaiser betriebene Gegenreformation immer mächtiger wurde und schließlich den furchtbaren Dreißigjährigen Krieg herbeiführte, brachte diese Entwicklung auch die Schweidnitzer Protestanten in Bedrängnis. Man trieb die Pastoren aus der Stadt, und alle Kirchen mußten den Katholiken zurückgegeben werden.

 

Radierung
Radierung Friedenskirche, Ansicht von Süden, vor 1735
Aus: Schweidnitz im Wandel der Zeiten, Würzburg 1990, S. 70

 

Als sich im September 1632 König Gustav Adolf mit seinem schwedischen Heer der Stadt näherte, flohen die katholischen Geistlichen, und die evangelischen Pfarrer übernahmen die Kirchen erneut. Aber es brach eine schlimme Zeit heran: Große Brände zerstörten 800 Häuser, Hungersnöte herrschten, die Pest brach aus und raffte 17.000 Menschen dahin - auch die beiden evangelischen Pfarrer. Als die Schweden 1644 kapitulierten, kehrten die katholischen Priester zurück, und die Protestanten standen wieder mit leeren Händen da. Aber Kaiser Ferdinand II. wurde durch Schweden im Westfälischen Frieden gezwungen, den Evangelischen seiner Erbfürstentümer Schweidnitz, Glogau und Jauer je eine "Friedenskirche" zu gestatten. Es wurden aber ganz schwierige - geradezu schikanöse - Auflagen gemacht: Die Kirchen mußten außerhalb der Stadtmauer liegen, Kirche und Pfarrhäuser durften nicht massiv gebaut werden und nur aus Holz und Lehm bestehen, Turm und Glocken wurden versagt, nur ein Jahr Bauzeit wurde gestattet.

Der im Krieg dezimierten und verarmten protestantischen Bevölkerung erwuchs somit eine schier unlösbare Aufgabe. Am 13. August 1652 wurde vom Kaiser schließlich die Bewilligung zum Kirchenbau erteilt, und am 23. September des gleichen Jahres wurde der Platz abgesteckt: 200 Schritt im Geviert sollte der Kirchplatz messen, 100 Schritt lang und 50 Schritt breit sollte die Kirche groß werden. Wo der Altar hinkommen sollte, schlug man einen Pfahl ein. Um gleich Gottesdienst halten zu können, wurde inmitten des unbebauten Gevierts ein kleines "Gotteshüttlein", 27 x 14 m groß, gebaut. Um die Kosten für den großen Bau zu tragen, mußte mit einer Geldsammlung begonnen werden, und zwar nicht nur bei den evangelischen Bürgern der Stadt und in der Umgebung. Es wurden vielmehr Sammler in alle protestantischen Länder bis nach Sachsen, Ungarn und Schweden geschickt, so daß man schließlich die Mittel zusammenbringen konnte.

Es galt nun, eine ganz neue technische Aufgabe zu erfüllen und Baumeister zu finden, die dieser Aufgabe auch gewachsen waren. Daß das schwer war, mußte Glogau schmerzlich erfahren: Die dort 1652 errichtete Friedenskirche wurde 1654 durch einen starken Sturm einfach umgeblasen.  In Jauer wandte man sich an Ingenieurleutnant Albrecht von Säbisch in Breslau, nach dessen Plänen der Zimmermeister Andreas Kemper den heute noch bestehenden Bau 1655 errichtete. So konnte man sich auf schon gemachte Erfahrungen stützen, als die Schweidnitzer Gemeinde ebenfalls mit dem Bau beginnen wollte. Man wandte sich an Säbisch, der änderte gleich den Grundriß von Jauer und fügte noch ein Querschiff hinzu, um dem Ganzen einen noch besseren Halt zu geben. Andreas Kemper wurde mit der Bauleitung betreut, und Zimmermeister König und Maurermeister Zöllner aus Schweidnitz wurden tätig. Obgleich die Schweidnitzer Kirche nur 1.069 qm bedeckt und jene in Jauer 1.180 qm, hat die Schweidnitzer 7.500 Steh- und Sitzplätze gegenüber nur 6.000 Plätzen in Jauer.

 

Außenansicht
Außenansicht
Aus: R. Vetter: Schlesien, Köln 1992, Abb. 13

 

Nach langem Drängen hatte der Rat der Stadt endlich 1.000 Stämme aus dem Stadtwald gespendet. Aber das war nur ein Drittel des Bedarfes. Den größeren Teil stiftete Hans-Heinrich von Hochberg auf Fürstenstein aus seinen Wäldern. Als Dank dafür erbaute man ihm später die prächtige "Fürstenloge" über dem  Haupteingang im Gotteshaus. Am 23. August 1656 konnte der Grundstein gelegt, schon am 25. Juni 1657 das Gebäude zum ersten Gottesdienst benutzt werden, nachdem das Interimskirchlein abgebrochen worden war. Freilich war die Kirche noch sehr schmucklos. Als Stützen des Kirchenbaus dienen eicherne Pfeiler, 40 x 50 cm stark, die wie die Streckbalken der Decken und Emporen von Brettergehäusen umgeben sind. Das Langhaus ist 44 m lang und 20 m breit, das Querschiff ist 30,5 m lang und ebenfalls 20 m breit.

Pfarrer Hellmuth Bunzel beschreibt in seiner grundlegenden Monographie über die Friedenskirche zu Schweidnitz ausführlich die Konstruktionsdetails der Kirche und wann die verschiedenen Innenausstattungen eingebaut worden sind. Viele Daten und Künstler sind genannt - es würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen, näher darauf einzugehen. Stellen wir fest, daß es sehr lange gedauert hat, etwa 100 Jahre, bis die Kirche so ausgestattet war, wie sie sich heute dem staunenden Besucher darstellt. Bunzel unterscheidet in seiner Schrift nun zwischen der Ausstattung der Kirche bis 1707 und der Vervollständigung bis zur preußischen Inbesitznahme 1741. Ich fasse zusammen:

1658 wurde die Kirche mit einem Gestühl ausgestattet, und 1660 schuf man den "Predigtstuhl" - einen Vorläufer der heutigen prächtigen Kanzel. 1661 wurde der Taufstein von Pankratius Werner aus Hirschberg gefertigt und von sechs Adelsfamilien, deren Wappen den Taufstein rundum schmücken, gestiftet. 1666 bis 1669 schuf Gottfried Klose aus Brieg die erste Orgel, die aber oft umgebaut werden mußte. Senior Sigismund Ebersbach schenkte 1695 die kleine Orgel über dem Altar, die heute noch benutzt wird und 1991 durch den "Verein zur Erforschung und Erhaltung schlesischer Orgeln e.V." restauriert worden ist. Sie war im Laufe der Jahrhunderte besonders wertvoll während der mehrfachen Reparaturen der großen Orgel, welche in ihrer heutigen Form in den Jahren von 1777 bis 1784 von Meister Zeitzius aus Frankenstein gebaut wurde. Diese Funktion übt sie auch heute mal wieder aus, denn die große Orgel ist seit ca. 10 Jahren kaum noch bespielbar und harrt der Finanzmittel für eine Gesamtrestaurierung. 1672 regte Primarius Gerlach die Erneuerung des Altars an. Es dauerte aber lange, bis sie ausgeführt werden konnte. Das geschah erst um 1690 - etwa zur gleichen Zeit und durch die selben Künstler, die die Bemalung der Decke ausführten, nämlich durch Christian Süssenbach und Christian Kolioschky.

Sehr abwechslungsreich  - viel stärker als in Jauer - wirkt die Kirche durch Logen, Verschläge und die Zwischenchöre, die zwischen den Emporen eingezogen wurden. Sie sind sehr prächtig und künstlerisch wertvoll ausgestattet; errichtet wurden sie von den verschiedenen Zünften, die sich hier eigene „Kirchenräume“ schufen. Die Ein- und Ausgänge zu diesen Anbauten wurden nach außen verlegt, so daß zu den ursprünglich drei Haupttüren weitere 25 einzeln nummerierte Türen hinzugefügt wurden.

 

Füstenstein-Loge
Fürstenstein-Loge
Aus: M. Welder: Reise nach Schlesien, Leer 1988, S. 86

 

1708 wurden drei weitere Geistliche eingestellt. In diese Zeit fällt auch die Genehmigung, einen Glockenturm mit eigenem Geläut haben zu dürfen. Der abseits stehende Turm war bald gebaut, und schon am 4. Oktober 1708 konnten drei Glocken der Gießerei Götz in Breslau aufgebracht werden. Da es sehr schwierig war, diese Glocken genau zur richtigen Zeit des Gottesdienstes läuten zu lassen, stiftete 1714 Kaspar Finger aus Gräditz ein Türmchen mit kleiner Glocke auf dem Haupthaus. Sie konnte den großen Schwestern im Glockenturm fortan ein Zeichen geben. In diese Zeit fällt auch der Bau einer neuen, prächtigen Kanzel, welche August Hoffmann schuf und die 1729 durch den heute noch berühmten Liederdichter und Pfarrer Benjamin Schmolck geweiht wurde. Sie wurde nochmals erneuert und am 25. September 1752 in seiner heutigen Form geweiht.

Die drei Schlesischen Kriege, die der preußische König Friedrich II. in Schlesien und auch im Raum Schweidnitz führte, sowie die Napoleonischen Kriege Anfang des 19. Jahrhunderts gefährdeten die Kirche öfters und beschädigten sie auch. Aber die tapferen Bürger haben sie immer und immer wieder gut bewacht, beginnende Brände gelöscht, die Schäden ausgebessert. Ihnen ist es zu verdanken, daß diese empfindliche Kirche bis heute steht.

Die letzte große Restaurierung wurde 1992 bis 2001 vom Deutschen Zentrum für Handwerk und Denkmalpflege in Fulda durchgeführt und - neben Geldern des polnischen Denkmalschutzes - durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt und die "Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit" finanziert.

 

 

Innenraum
Innenraum
Aus: M. Gerner, U. Schaaf, T. Trapp: Die Friedenskirche in Schweidnitz, Schweidnitz/Fulda 1996, S. 48

 

 

Bunzel meinte, daß die Friedenskirche in Schweidnitz nach 1945 nur noch einen musealen Wert habe. Das hat sich so nicht bewahrheitet. Freilich hat sie längst nicht mehr die Bedeutung wie vor 1945, als sie die Hauptkirche eines großen Kirchenkreises war und den ca. 25.000 deutschen Protestanten der Stadt als Kirche diente. Es darf aber nicht unerwähnt bleiben, daß mutige evangelische polnische Pfarrer nach 1945 die Katholisierung der Kirche verhinderten und durchsetzten, daß auch bald wieder ein eigener Pfarrer für die kleine, heute ca. 120 (!) Seelen zählende evangelische polnische Gemeinde eingestellt wurde (Angabe nach Pfarrer Jan Zanjankowski/Liegnitz). Nach wie vor gibt es auch eine allerdings sehr kleine deutsche evangelische Gemeinde, die aus Breslau von einem eigenen Pfarrer betreut wird und alle 14 Tage einen deutschsprachigen Gottesdienst abhält.

Seit ca. 1989 steht der junge Pfarrer Waldemar Pytel der Kirche vor. Er ist ein tüchtiger und rühriger Mann, dem viel zu verdanken ist. Insbesondere die Stellung dieser Kirche in der heute fast total katholischen Stadt, eine sehr gut funktionierende Ökumene und die Belebung der Kirche durch alljährliche anspruchsvolle Kirchenkonzerte.

 

Auch die letzte Restaurierung und ihre Finanzierung wäre ohne ihn so gut nicht verlaufen. Nun fehlt noch die Restaurierung der großen Orgel. Vielleicht hilft ja die Stellung der Kirche als WELTKULTURERBE dem oben schon genannten deutschen Verein, um sich an diese große Aufgabe zu machen.

Erwähnen sei noch der Friedhof: Er ist sicher nicht der einzige noch bestehende rein evangelische Friedhof in Schlesien (ich denke z. B. an den Friedhof um die Kirche Wang) - sicher ist er aber der größte. Das fehlende Geld verhinderte bisher seine Restaurierung und weitere Erhaltung. Es würde sich aber lohnen, denn die Grabsteine sind fast alle noch vorhanden. Aber sie sind meist umgestürzt und harren hilfreicher Sponsoren, die sich durch diese Zeilen vielleicht angesprochen fühlen ...               

Klaus Goldmann


Literatur

L. Worthmann: Die Friedenskirche zur heiligen Dreifaltigkeit vor Schweidnitz. Festgabe zur Vierteljahrtausend- Feier am 22. September 1902. Schweidnitz 1902.

L. Worthmann: Führer durch die Friedenskirche zu Schweidnitz. Schweidnitz, Breslau 1929.

Hellmuth Bunzel: Die Friedenskirche zu Schweidnitz. Geschichte einer Friedenskirche von ihrem Entstehen bis zu ihrem Versinken ins Museumsdasein. Ulm 1958. 

Ulrich Hutter: Aus der Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde zu Schweidnitz, in: Werner Bein und Ulrich Schmilewski (Bearb.): Schweidnitz im Wandel der Zeiten. Würzburg 1990, S. 245-257.

Ulrich Hutter: Die Friedenskirche zu Schweidnitz, in: Werner Bein und Ulrich Schmilewski (Bearb.): Schweidnitz im Wandel der Zeiten. Würzburg 1990, S. 258-268..

Manfred Gerner u.a.: Koœciół Pokoju w Œwidnicy. Die Friedenskirche in Schweidnitz. Schweidnitz, Fulda 1996.       

Restauracja Koœcióła Pokoju w Œwidnicy. Badania konserwatorskie wystroju wnętrza. Restaurierung der Friedenskirche in Schweidnitz. Konservatorische Untersuchungen der Innenraumausstattung. Fulda 1997.                   

 

LITERATURHINWEIS
Kloster Grüssau (Krzeszów)
Friedenskirche zu Schweidnitz (Świdnica)
St. Jakobuskirche zu Neisse (Nysa)
Breslauer Dom
Christophori
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Friedenskirche Jauer
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Peter und Paul
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