Das selbständige Schlesien - Die Zeit der deutschen Siedlung 1202-1327/39

"Das Jahr 1202 brachte mit dem Erlöschen der Senioratsverfassung das vorläufige Ende des polnischen Herrschaftsverbandes mit sich, dem sich innenpolitisch zu viele Kräfte in den Weg gestellt hatten. Damit ist das Abbrechen jener Art von Staatlichkeit bezeichnet, auf die sich heute die europäischen Nationen mit langer Geschichte für das Hochmittelalter zu berufen pflegen."
Peter Moraw, Das Mittelalter (bis 1469), in Norbert Conrads (Hrg.), Schlesien, Deutsche Geschichte im Osten Europas, 2. verbesserte Auflage, Berlin 2002, S. 74

"Was weiterhin hätte zusammenhalten können - ein gemeinschaftliches Handeln der piastischen Teilherrscher aufgrund ihrer nahen Verwandtschaft, der hierarchische Verband der Kirchenprovinz Gnesen, Adelsgruppen mit übergreifenden Interessen-, kann weder nach Qualität noch nach Quantität als Äquivalent von Staatlichkeit gelten".
Moraw, aaO., S. 74

 

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Grabtumba Heinrichs IV. (gest. 1290), Breslau, Kreuzkirche
Aus: W. Irgang, W. Bein, H. Neubach: Schlesien, 2. korr. Auflage, Köln 1998, S. 71

 

"Damals war Schlesien, zumal Niederschlesien, gleichsam das Musterland der deutschen Ostsiedung oder gar der europäischen Siedlung als besonders charakteristische Landschaft "moderner" Entfaltung (...). In Böhmen, mit dem man Schlesien am besten vergleichen kann, traf der ungefähr gleichzeitige, ebenfalls von der Dynastie angestoßene Siedlungs- und Entwicklungsprozeß auf eine schon recht ansehnlich ausgestaltete slawische Welt.  Daher hat er sich - jedenfalls in der Mitte des Landes - eher zwischen schon bestehende Lebenswelten gelagert (...). In großen Teilen Ordenspreußens mit seinen besonderen Bedingungen und in Niederschlesien hingegen war das ganze Land am Ende des "langen 13. Jahrhunderts" völlig anders beschaffen als um 1200. Aus einer naturbestimmten war eine kulturbestimmte Region geworden".
Moraw, aaO., S. 91

"Das Interesse des Landesherrn und der ihn nachahmenden Kräfte im Land war das auslösende Moment der Ostsiedlung. Es stellten sich Mittelsmänner, Unternehmer oder Lokatoren, zur Verfügung, die an der Werbung für den Herren verdienten. Es handelte sich also um Sog aus dem Osten, nicht um Druck aus dem Westen (...).  Landesherren und Grundherren warben mit dem, wovon sie genügend besaßen: mit unbewohntem Land und mit Privilegien."
Moraw, aaO., S. 96

 

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Fragment des Siegels der Stadt Neisse, 1260. Das älteste erhaltene schlesische Stadtsiegel
Aus: F.-Chr. Jarczyk:: Neisse, Würzburg 1994, S. 11

 

"Es genüge hier die allgemeine Feststellung, daß der Übergang praktisch ganz Niederschlesiens zur deutschen Verkehrssprache durch Angleichung der zur Minderheit gewordenen slawischen Bevölkerung normalerweise schon im Mittelalter stattgefunden hat.  So sind Slawen zu Vorfahren von Deutschen geworden, wie vielfach auch anderswo.  Die Existenz des schlesischen Neustamms deutscher Sprache entsprechend den Neustämmen der Mecklenburger, Pommern, Brandenburger oder anderer ist im späteren Mittelalter eine offenkundige Tatsache. Sprachgeschichtlich interessanter als das deutsch-slawische Gegenüber ist daher von nun an die Frage nach der Rolle der schlesischen Mundart in den großen Prozessen der deutschen Sprachgeschichte."
Moraw aaO., S. 98

"In Oberschlesien gab es verschieden gerichtete Entwicklungen auf kleinem Raum, darunter als bemerkenswerte diese, daß sich die slawische Mundart nicht nur gut behauptete, sondern im 15.Jahrhundert auch Deutschsprechende wie sonst nur in Polen in großer Zahl zu sich hinüberzog."
Moraw, aaO., S. 98

 

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Hl. Hedwig (gest. 1243), aus dem Hewigs-Codex von 1353
Aus: J. Gottschalk, Hewig von Andechs - Herzogin von Schlesien, Freiburg/Br. 1982, S. 44

 

"Den Ton im Leben der Stadt gaben die Deutschen an und die deutsche Sprache begann in Breslau zu dominieren. Die Stadtbücher, früher in lateinischer Sprache geschrieben, wurden immer häufiger ausschließlich in deutsch verfasst, und in den  Kirchen wurden in dieser Sprache Predigten gehalten. Über die Hälfte des Domkapitels bestand in der Mitte des 14. Jahrhunderts aus Deutschen, obwohl die niedere Geistlichkeit in der überwiegenden Mehrzahl polnisch war und Schlesien zur Kirchenprovinz Gnesen gehörte. Den ersten Platz nahmen die Patrizierfamilien ein, deren Vorfahren aus deutschen Städten, hauptsächlich aus Nürnberg, nach Breslau gekommen waren. Das polnische Element dominierte in den niederen Ständen, im Kleinhandel und im Handwerk".
Beata Maciejewska, Wroclaw Dzieje Miasta, Wroclaw 2002, S. 42 (Übersetzung Klaus Schneider)

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Herzog Heinrich der Bärtige und seine Gemahlin, die Hl. Hedwig, mit ihren Kindern; aus dem Hedwigs-Codex von 1353
Aus: J. Gottschalk: Hedwig von Andechs-Herzogin von Schlesien, Freiburg/Br. 1982, S. 23